Viel Zeit bliebt nicht für das Filmjahr 2025 – aber die Tradition der Top 10 wird natürlich trotzdem am Leben gehalten.
Mit deutlicher Verspätung erfolgt diesmal mein Rückblick auf das Filmjahr 2025 und das ist dann auch irgendwie bezeichnend für meine Haltung zum cineastischen Output des Jahres. Schon der Blick auf die diesjährigen Oscar-Kandidaten in der Kategorie „Bester Film“ reißt mich wenig vom Hocker und gefühlt werden nur die beiden ersten Plätze meiner Top 10 mir noch in ein paar Jahren in Erinnerung sein.
Inzwischen muss ich zugeben, dass mein Fokus fast ausschließlich auf den älteren Streifen meiner Oscar-Reihe liegt, für die ich drüben bei filmszene.de alle jemals für den besten Film nominierten Werke rezensiere – beginnend mit dem Jahr 1929. Inzwischen bin ich Mitte der 1940er Jahre und bei knapp 150 Filmen angekommen und es macht weiterhin eine große Freude. In diesem Jahr bereiteten mir dort einige Klassiker viel Freude, wie Casablanca, Citizen Kane, Die Spur des Falken, Vom Winde verweht oder Der Zauberer von Oz. Gut, die kannte ich auch vorher schon. Es gibt aber auch ein paar heute eher unbekanntere Filme, die ich allen nur ans Herz legen kann. Da wären: Die große Illusion, Von Mäusen und Menschen, Ringo, Das Geheimnis von Malampur, Früchte des Zorns, Die kleinen Füchse, Gefundene Jahre oder Mrs. Miniver.
Und wie sieht die Gegenwart aus? Nun, wie gesagt etwas ernüchternd. Viel Zeit für aktuelle Kinofilme hatte ich leider nicht, Serien gingen fast komplett unter. Was auch in diesem Jahr wohl nicht viel besser werden wird, da Familiennachwuchs ansteht und der mich wohl ordentlich auf Trab halten wird. Das Ziel ist trotzdem, auch nächstes Jahr wieder eine halbwegs ordentliche Top 10 auf die Beine zu stellen – da sollte die Filmbranche und vor allem Hollywood sich aber bitte etwas mehr Mühe geben als dieses Jahr.
Hier nun meine Top Ten für das Jahr 2025 – ein paar zusätzliche Anmerkungen zu meinem Film- und Serienkonsum in dem Jahr dann wie immer im Anschluss.
10: Black Bag – Doppeltes Spiel
Steven Soderbergh serviert Spionage-Kino der alten Schule. „Blag Bag“ hat zwar viele Wendungen, aber kommt trotzdem nicht übermäßig komplex daher. Aber weil man mehr auf Figuren als Action setzt und schön fokussiert sein Ding durchzieht, ist das hier eine schöne Erinnerung an die gute alte Zeit, als Filme mit dialoggetriebener Spannung im Kino noch angesagt waren. „Altbacken“ im positiven Sinn und einfach ein netter Zeitvertreib für etwas anspruchsvollere Filmfreunde.
9: Train Dreams
Ich mag es ja immer, wenn man große Bilder für scheinbar unbedeutende Figuren übrig hat. Das Leben eines einfachen Waldarbeiters Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA steht hier im Mittelpunkt und wird in poetische und stimmungsvolle Bilder getaucht. Dank ordentlicher Melancholie erinnert das hier ein wenig an Terrence Malick, hat einen tollen Flow und wird nur durch zwei etwas schwächelnde Frauenrollen ausgebremst. Ansonsten aber eine Empfehlung für alle Freunde der Schwermut.
8: Avatar: Fire and Ash
Nach dem langweiligen zweiten Teil von Avatar hat sich James Cameron mit dem dritten Teil jetzt wieder etwas rehabilitiert bei mir. Ist inhaltlich zwar wieder wie alles davor und mit dem Charakter von Spider und vor allem dessen Darsteller werde ich immer noch nicht warm. Aber der Spannungsbogen stimmt, die Effekte sind wie immer großartig und gegen so eine ordentliche Portion Blockbuster-Kino ist absolut nichts einzuwenden. Für weitere Teile wäre ein wenig mehr inhaltliche Kreativität aber auch nicht schlecht.
7: The Brutalist
Ach, über dreistündige Charakterepen – da geht dem „Lawrence von Arabien“ in mir das Herz auf. Das Niveau erreicht das Werk von Regisseur Brady Corbet aufgrund einer etwas schwächeren zweiten Hälfte zwar nicht, doch ansonsten liefert er hier gerade in Sachen Inszenierung unglaublich wuchtiges Kino mit einem absolut großartigen Adrian Brody. Und ist das nicht schön, mal wieder einer 15-minütigen Intermission beiwohnen zu können. Nicht perfekt, aber immer faszinierend – gerne mehr solcher Filme.
6: F1
Es rummst und kracht auf der Leinwand, während Jungs sich bekriegen. Ist aber kein Actionfilm, sondern in „F1“ eine große Werbeveranstaltung für die Formel 1. Aber wie gerne ich der zugeschaut habe. Handwerklich ist das großartiges Blockbusterkino, mit vielen toll inszenierten Rennszenen. Noch schöner, man legt auch Wert auf gute Dialoge und halbwegs ordentliche Charakterarbeit – nur der Burgfrieden zwischen den beiden männlichen Rivalen wirkt am Ende etwas forciert. Ein bisschen zu lang fällt der Streifen auch aus, aber sonst ist das hier die höchste Form des einfachen Entertainments – mit einem sehr charismatischen Brad Pitt. Für mich das beste Stück Hollywood-Spektakel des letzten Jahres.
5: Blood & Sinners
Eigentlich ist zu viel des Guten ja was Schlechtes. Aber wenn das zu viel richtige gute Ideen sind, dann kann man das doch irgendwie verzeihen. Für die Hälfte der Laufzeit ist „Blood & Sinners“ ein unglaublich atmosphärischer Film voller interessanter Charaktere. Danach wird es wild und ein Film über ein paar schwarze Gangster, die Anfang der 1930er Jahre eine Bar im amerikanischen Süden eröffnen verwandelt sich zu einer Blues-Version von „From Dusk till Dawn“. Macht immer noch viel Laune, hätte aber dann deutlich mehr Fokus gebraucht. Aber immerhin riskiert man hier mal was und das muss belohnt werden. Mit Platz 5 in meiner Top 10.
4: A House of Dynamite
Man bestellt Kathryn Bigelow, man kriegt Kathryn Bigelow – das habe ich in meiner Filmszene-Rezension zu „A House of Dynamite“ geschrieben. Aus verschiedenen Blickwinkeln dürfen wir den drohenden Einschlag einer Atombombe in den USA begleiten – was in den Händen von Bigelow für sehr viel Nägelkauen sorgt. Gegen Ende schwächelt man zwar auch hier ein wenig, wenn ausgerechnet das eigentlich schwerste Dilemma einer Figur in diesem Film am gefühlt unrealistischsten von allen dargestellt wird. Über weite Strecken sitzt man aber hier gebannt vor der Leinwand/dem Bildschirm und wird danach vermutlich sorgenvoll in den Himmel schauen.
3: Emilia Pérez
Vergessen wir mal all die Diskussionen rund um den Film, beziehungsweise die Äußerungen einer seiner Darstellerinnen. Solch eine intensive Energie gab es in dem Kinojahr (fast) kein zweites Mal. Da wird sich musikalisch und kreativ im Allgemeinen ausgetobt und wenn man das Ganze nicht so ganz ernst nimmt (nein, die mexikanische Kultur sieht nicht exakt so aus), hat man unglaublich Spaß mit dem Film. Man arbeitet sich hier schön an den Eliten des Landes ab (immer gern gesehen) und pfeift musikalisch auch auf perfekte Stimmorgane – findet aber so seinen ganz eigenen Stil und Rhythmus. Kompromisslos sein Ding durchziehen, das machen aktuell viel zu wenige in der Kinolandschaft. Also ab aufs Podium mit dir „Emilia Pérez“.
2: Sentimental Value
Ich bin verliebt. In Renate Reinsve, die in „Sentimental Value“ eine der stärksten Schauspielleistungen der letzten Jahre zeigt. Wer Lust auf richtig starkes Charakterkino hat, ist hier an der richtigen Stelle. Toll geschriebene Figuren, einfühlsame Inszenierung und ein großartiges Darstellerensemble machen dieses eigentlich eher ruhige Familiendrama zu ganz großem Kino. Man baut sich lange Zeit ein unglaublich facettenreiches emotionales Grundgerüst auf und kassiert dafür dann den Lohn in unglaublich intensiven letzten 20 Minuten. Hier hätten mir die Figuren auch noch zwei Stunden länger einfach nur das örtliche Telefonbuch vorlesen können, ich wäre an ihren Lippen gehangen.
1: September 5 – The Day Terror Went Live
Kein Film hat mich so mitgerissen letztes Jahr wie diese semi-dokumentarische Aufarbeitung der Anschläge bei den Olympischen Spielen in München 1972. Man schildert die dramatischen Ereignisse hier aus der Sicht einer amerikanischen Fernseh-Crew vor Ort und macht diese dadurch auf packende Weise erlebbar. Und weil man hier als Publikum stets denselben begrenzten Informationsstand wie die Charaktere hat, fiebert man gefühlt in Echtzeit mit. Am Ende sitzt man nassgeschwitzt in seinem Kinosessel und muss das alles erst mal setzen lassen. Bei den Oscars 2025 wurde der Film komplett ignoriert, hier aber nicht. Dieses mitreißende Kammerspiel ist Pflichtprogramm für Filmliebhaber – und all diejenigen, die gerne mal 95 Minuten lang den Atem anhalten wollen.
Und sonst noch?
Was hat das Filmjahr 2025 sonst noch gebracht? Ehrlich gesagt nicht viel. Besser gesagt, nicht viel, das ich mitbekommen habe. Wie man an meiner Auflistung weiter unten sieht, kam ich nicht viel zum Kritiken schreiben – zumindest, was neue Filme angeht. Auch sonst waren Kinobesuche eher spärlich gesät. Der (vermutliche) Oscar-Gewinner für den besten Film („One Battle After Another“) hat mich überraschend kalt gelassen. Er hat es nicht mal in meine Top 10 geschafft – eine Meinung, mit der ich aber wohl ziemlich alleine dastehe. Mein Serienjahr sieht noch trostloser aus – die neue Staffel „Severance“ hat mich leider enttäuscht – zu viel langweilige Nebenplots, aber irgendwie musste man wohl die Handlung strecken. Und auch das gefeierte „Pluribus“ lässt mich kalt – und wurde von mir schon nach wenigen Folgen abgebrochen. Auch hier stehe ich mit der Meinung ziemlich alleine da, zieht sich das Jahr irgendwie durch.
Gibt es irgendwas, auf was ich mich dieses Jahr freue? Außer „The Odyssey“ von Nolan eigentlich nicht viel – und selbst da bin ich nach dem ersten Trailer irgendwie etwas skeptisch. Aber vielleicht überrascht mich das Kinojahr dann doch noch. Schön wär’s. Aber zur „Not“ habe ich ja noch meine Oscar-Reihe, ich sollte also gut versorgt sein.
Hier nun noch einmal im Überblick alle meine Filmszene-Kritiken des letzten Jahres (es zählt das Datum des deutschen Kinostarts). Für alle meine Kritiken meiner Oscar-Reihe bitte hier entlang.
Filmszene-Kritiken
(8/10) Wallace & Gromit – Vergeltung mit Flügeln
(4/10) Back in Action
(7/10) Juror #2
(9/10) September 5 – The Day Terror Went Live
(8/10) The Brutalist
(9/10) Emilia Pérez
(8/10) Black Bag – Doppeltes Spiel
(7/10) The Life of Chuck
(8/10) In die Sonne schauen
(8/10) A House of Dynamite
(6/10) Jay Kelly
(8/10) Avatar: Fire and Ash
(9/10) Sentimental Value
(8/10) Train Dreams