Abgeschweift

Die Krönung des Quentin Tarantino

Revenge is a dish best served cold. Geht aber auch eine Spur wärmer. Zeigt zum ersten Mal wahre Gefühle: Quentin Tarantino.

Das letztes Puzzlestück des Quentin T.
So ein Tarantino-Film ist ja immer ein Ereignis. Und meistens auch ein Genuss. Die provokant-poetischen Dialoge aus der Schnellfeuerwaffe, das selbstverliebte Zelebrieren scheinbar banaler Szenen und die oft völlig ausufernden Gewaltexzesse – soll keiner sagen, dass man hier nichts für sein Geld bekommt. Bei aller Wertschätzung für dieses offensichtliche Filmgenie muss ich aber auch festhalten, dass ich eine Sache bei Tarantino bisher immer vermisst hatte. Nämlich, dass er mich mal so richtig ins emotionale Mark trifft.

Klar, Tarantino liefert geile Unterhaltung. Unterfüttert mit jeder Menge cineastischer Leckerbissen. Aber irgendwie waren mir seine Filme und Figuren immer ein Stück zu cool, um wirklich ans Herz zu gehen. Es mag nun wahnsinnig klingen, ausgerechnet einem Autorenfilmer wie ihm das vorzuwerfen. Aber mir fehlte bisher immer eine tiefe persönliche Ebene bei Tarantinos Filmen. Das Gefühl, dass er nicht nur einfach Spaß haben will. Eine wirkliche emotionale Botschaft, die nicht in all der Coolness und Gewalt untergeht.

Tarantino menschelt
Und genau das bringt mich zu „Once upon a time in Hollywood“. Und einem Spoileralarm, für alle die, die den Film noch nicht gesehen haben. Denn hier gibt es ihn tatsächlich. Den Moment, den ich bisher bei allen Tarantino-Filmen vermisst habe. Ich halte „Once upon a time in Hollywood“ nicht für Tarantinos stärksten Film, dazu ist mir der ganze Strang rund um Leonardo DiCaprios Charakter zu schwach geraten (im Gegensatz zu Brad Pitts Figur, die gleich mehrere grandiose Szenen hat). Aber es gibt da diesen einen Augenblick, in dem Tarantino das erste Mal in seiner langen Karriere ein wirklich berührender Filmmoment gelingt. Und in dem ich das Gefühl hatte, dass er das erste Mal so richtig menschelt.

Es handelt sich um die letzte Szene des Filmes. Die große Schlacht ist geschlagen und wir haben den langerwarteten Tarantino-Gewaltexzess hinter uns. Während Rick (DiCaprio) noch den Schock verdaut kommt der verdutzte Jay Sebring vom Nachbargrundstück angelaufen. Und kurz darauf meldet sich sogar Sharon Tate via Gegensprechanlage und lädt Rick zum gemeinsamen Cocktailtrinken ein. Es ist der Moment, wo „Once upon a time in Hollywood“ endgültig zum titelgebenden Märchen wird. Sharon Tate und ihre Besucher, die alle damals der Manson-Familie zum Opfer fielen, sind in dieser alternativen Zeitlinie noch am Leben. Und die Art und Weise, wie Tarantino hier mit der tragischen Figur der Sharon Tate umgeht, und ihr sozusagen eine schöne Zukunft schenkt, ist einfach nur perfekt umgesetzt. Es sind die einfühlsamsten Filmmomente, die Quentin Tarantino jemals auf Zelluloid gebannt hat. Und wohl auch die subtilsten.

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte
Als die Stimme von Sharon Tate durch die Gegensprechanlage ertönt, packt Tarantino all die Tragik dieser Figur in einen einzigen Moment. Und zwar in die Reaktion von Rick. Eine Reaktion, die soviel unterschiedliche Emotionen ausdrückt. Als er Sharons Stimme hört, dreht Rick sich mit einem fast verzweifelt wirkenden Blick zur Seite, der im Hinblick auf die innere Logik des Drehbuches eigentlich keinen Sinn macht. Sehr wohl aber, wenn man das tragische Schicksal der Figur am anderen Ende der Gegensprechanlage kennt.

Die echte, hochschwangere Sharon Tate lag in diesem Moment grausam ermordet in ihrem Haus. Im Film dagegen ertönt ihre fröhliche Stimme und Tate sprüht nur so vor Lebensfreude. Die Reaktion von Rick spiegelt all diese Tragik wieder, die Wut, die Trauer und Ungerechtigkeit über das was passiert ist und was hätte sein können. Der Moment wird zu einer Hommage an einen realen Menschen, der auf brutale Weise seiner Träume beraubt wurde.

Echte Liebe
Wie DiCaprio all das in seine Mimik und Gestik packt ist grandiose Schauspielkunst. Es ist aber eben auch einfach eine großartige Regieleistung. Einen solch einfühlsamen Moment so perfekt hinzubekommen, nach dem man gerade eben noch mit einem Flammenwerfer ein nicht gerade subtiles Rachestatement abgegeben hat, das ist einfach meisterhaft. Warum das Tarantino früher nicht gelungen ist? An den Nazis („Inglourious Basterds“) oder den Sklavenhändlern („Django“) hat er sich ja auch schon einmal ausgetobt. Aber da waren die Opfer der Bösewichte fiktive Charaktere. Hier ist das Opfer jemand, der tatsächlich einmal existiert hat. Und auch wenn Sharon Tate viel weniger Leinwandzeit als Rick oder Cliff bekommt – man spürt in jeder ihrer Szenen, vor allem als die Filmfigur Tate im Kino die echte Tate auf der Leinwand sieht, an welcher Figur das Herz von Tarantino wirklich hängt.

Bei keiner anderen Figur von Tarantino hatte ich je ein so starkes Gefühl, dass er sich mit dieser auch tatsächlich identifiziert. Und das macht „Once upon a time in Hollywood“ am Ende einfach so viel emotionaler, persönlicher und intensiver, als alle anderen Filme auf Tarantinos Vita. Und dieser tiefe Respekt für die Figur äußert sich auch im letzten Shot des Filmes. Tarantino zeigt uns Tate, die ihren Gast zu einem Cocktail einlädt, am Ende nur von oben. So vermeidet Tarantino eine zu kitschige oder gar sensationshaschende Abschlussszene. Er nimmt Abstand, zeigt Respekt. Dieser wundervoll-einfühlsame Abschluss gelingt ausgerechnet dem Mann, der davor noch seine Gewaltphantasien an der Manson-Familie ausgelassen hat.

Tarantino, der Gefühls-Jongleur
So erfolgreich mit einer Bandbreite an Emotionen zu jonglieren, das ist selbst für einen Quentin Tarantino noch einmal ein ganze neues Level. Er opfert ein cooles Ende zugunsten eines subtilen, einfühlsamen und märchenhaften Abschlussstatements. Ein emotionaler Reifegrad, den ich ehrlich gesagt Tarantino so nicht zugetraut hätte. „Once upon a time in Hollywood“ mag kein perfekter Film sein. Aber für mich katapultiert er Tarantino alleine durch das Ende noch einmal in eine ganz andere Regie-Liga. Er schafft es tatsächlich, mit einem so extrem revisionistischen Unterhaltungsfilm einer Figur würdevoll die letzte Ehre zu erweisen. Und den Zuschauer nachdenklich und mit feuchten Augen im Kinosessel zurückzulassen. Auf dich, Sharon…

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