Film

Jason Bourne – Die Bourne Identität

Eine gute Ausbildung erhöht die Jobchancen. Mit dem Arbeitgeber CIA und dem Job Profikiller sinken aber gleichzeitig die Überlebenschancen. Sollte sich also freuen, dass er sich an nichts mehr erinnert: Jason Bourne.

Die Bourne Identität (2002) – Die Story

Drehbuch: Tony Gilroy, W. Blake Herron
Keine Erinnerungen, aber zwei Kugeln im Rücken. Jason Bourne (Matt Damon) wird im Mittelmeer von einem italienischen Kutter aufgefischt. Und macht sich kurz darauf mit der Weltenbummlerin Marie daran, seine wahre Identität herauszufinden. Dabei wird ihm schnell bewusst, dass er augenscheinlich über ein paar beeindruckende Fähigkeiten in der Kombinationsgabe und im Nahkampf verfügt. Die kann er auch bald gut gebrauchen, denn ein paar professionelle Killer sind ihm bereits auf den Fersen…

 

Die Einführung von Jason Bourne

In peitschender See sammeln italienische Fischer den leblos im Wasser treibenden Körper von Jason Bourne auf. In der Bordküche entfernt Giancarlo, der neugierige Hobbymediziner an Bord, nicht nur ein paar Kugeln aus Bournes Rücken. Sondern auch noch einen kleinen Laserpointer, der mysteriöse Daten einer Schweizer Bank preisgibt. Bourne wacht auf und stellt Giancarlo aufgebracht zur Rede. Realisiert dann aber, dass er sich ja nicht einmal mehr an seinen eigenen Namen erinnern kann. Woraufhin er direkt wieder zusammenbricht.

Die Einführung von Jason Bourne im Video

Erneut unter den Lebenden, versucht Bourne an Bord langsam sein Gedächtnis wiederherzustellen. Abgesehen davon, dass er gut durchtrainiert zu sein scheint und spielend mehrere Fremdsprachen beherrscht, kommt er aber nicht wirklich weit damit. Schließlich setzt Giancarlo den frustrierten Gast mit etwas Handgeld in einem italienischen Hafen ab. Bourne zieht alleine von dannen.

Die Analyse

Wie stelle ich eine Figur vor, die sich nicht einmal selbst kennt? Ein etwas ungewöhnliches Szenario für eine Charaktereinführung. Auch der Zuschauer soll ja fleissig mit rätseln, wenn Bourne hier auf Identitätssuche geht. Nichtsdestotrotz, wirft man uns schon in der Einführung ein paar nette Informationsbrocken hin. Und spielt geschickt mit zwei unterschiedlichen Perspektiven.

Zuerst schlüpfen wir in die Haut der italienischen Fischer. Und erleben Bourne als ziemlich lebloses Etwas. Erst scheinbar tot im Wasser treibend, dann ohnmächtig auf einem Tisch liegend. Zusammen mit Giancarlo gehen wir dann auf Entdeckungsreise. So wie unser italienischer Freund langsam den Tauchanzug von Bourne aufschneidet, so legt er gleichzeitig auch die ersten Schichten der Hintergrundgeschichte für den Zuschauer frei. Hier erfährt man aber noch keine Charakterzüge. Stattdessen geht es erst einmal um Hintergrundinfos zu dem, was Bourne wohl widerfahren ist. Und damit um dessen Job.

Schwerelos, durch die Nacht. Bourne treibt im Mittelmeer (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH).

Identifikation al italiano
Immer wieder zeigt die Kamera dabei Giancarlo und wie dessen Blicke fasziniert über den leblosen Bourne wandern. Auf seine ersten Entdeckungen, wie die Schusswunden oder den Laserpointer, reagiert Giancarlo mit einer Mischung aus Neugier, Faszination und Verwirrung. Er kann sich auf all das noch keinen so richtigen Reim machen. Und ist damit zu Beginn die perfekte Identifikationsfigur für das genauso ahnungslose Publikum. Stück für Stück erfahren wir dank Giancarlo etwas mehr zu den möglichen Hintergründen von Bournes überraschendem „Auftauchen“.

Bournes professionelles Outfit, inklusive leuchtender Signalboje, wecken ja schon einmal erste Assoziationen mit dem Militär. Der in den Körper eingepflanzte Laserpointer und die kryptische Botschaft rund um eine Züricher Bank lenken das Ganze dann aber eindeutig in die Richtung Geheimagent. James Bond läßt grüßen. All das erfahren wir bisher rein anhand von Objekten. Accessoires können ja wirklich so einiges verraten. Auch wenn Bourne die Kugeln nicht wirklich freiwillig trägt.

Würden Sie diesem Arzt trauen? Bourne liegt unterm Messer (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH).

Die Frage aller Fragen
So bekommt der Zuschauer also schon erste Infos, um sich zumindest ein grobes Bild der Situation machen zu können. Der nächste Schritt: Bourne darf aufwachen. Und Giancarlo gleich direkt an die Gurgel gehen. Hätte ja diesen auch erst mal höflich nach der Lage fragen können. Stattdessen schleicht sich Bourne von hinten an und erwürgt Giancarlo fast. In Sachen Charaktereinführung ist dieser Moment durchaus spannend. Das lautlose Anschleichen verstärkt den Eindruck, dass wir es hier wohl mit einer Art Geheimagent zu tun haben könnten. Das Bourne direkt physisch wird, läßt ahnen, dass dieser wohl nicht für die friedlichsten Einsätze ausgebildet wurde.

Das Bourne dabei psychisch kräftig durch den Wind ist, wird durch die hektische Kameraführung noch weiter verstärkt. Die Szene hat dann auch eine schöne kleine Spannungskurve, in dem sie auf einen kleinen Höhepunkt zusteuert. Nämlich der Moment, in dem Bourne von Giancarlo gefragt wird, wer er denn eigentlich sei. Und Bourne zugeben muss, dass er das ja gar nicht weiß. Es ist die essentielle Frage, welche die Figur und den Zuschauer noch den ganzen Film beschäftigen wird. Kein Wunder, dass Bourne direkt danach erst einmal umkippt.

Dankbarkeit sieht anders aus. Bourne geht Giancarlo an die Gurgel (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH).

Perspektivwechsel
Nun folgt ein kleiner Einschub, bei dem wir im CIA-Hauptquartier vorbeischauen. Wo wir nur kurz einem Gespräch beiwohnen, bei dem von einer misslungenen Operation im Mittelmeer die Rede ist. Nach diesem kurzen Ausflug, der im Wesentlichen nur noch einmal den ersten Verdacht des Zuschauers in Punkto Geheimagent verstärkt, springen wir wieder zurück auf unser Boot. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied. Hatten wir bisher Bourne aus der Sicht der Fischer erlebt, folgt nun ein Perspektivwechsel.

Wir sind nun auf einmal im Kopf von Bourne und sehen alles aus seiner Sicht. Ab jetzt rätseln wir mit ihm und nicht, via eines Stellvertreters, über ihn. Somit ist die Einführung der Figur also sozusagen in zwei verschiedene Perspektiven gesplittet. So kann der Film im ersten Teil Bourne noch undurchsichtiger erscheinen lassen. Im zweiten Teil werden dann, gemeinsam mit Bourne, die bisher nur sehr vage angedeuteten Hintergründe zur Figur etwas stärker unterfüttert. Wir begleiten Bourne nun bei seinem Alltag auf dem Schiff und sehen, wie dieser körperlich mit anpackt und nebenher auch noch brav Klimmzüge absolviert. Trotz Schusswunden. Bourne mag alles vergessen haben, kann aber offensichtlich manche Mechanismen nicht ausschalten. Der Mann ist und hält sich fit, was bei dessen vermuteten Berufshintergrund ja auch Sinn macht.

Mit der Ausbildung kann man alles. Bourne ist ein Malocher (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH).

Spieglein, Spieglein an der Wand
Das Bourne dann als nächstes seine Fremdsprachenkenntnisse entdeckt (er spricht, vor einem Spiegel sitzend, mit sich selbst auf französisch und holländisch) passt ebenfalls gut in unser bisheriges Bild. So ist das mit den wichtigen Informationen zu einer Figur. Man wiederholt und verstärkt diese solange, bis sie auch wirklich beim Publikum angekommen sind. Das gleiche passiert mit der für den Film und die Figur ja so zentralen Frage: Wer ist Jason Bourne. Deswegen ist es genau diese Frage, über die Bourne laut vor dem Spiegel philosophiert. Und es ist die große Motivation der Figur, welche diese die nächsten zwei Stunden antreiben wird.

Dazu passt dann noch eine weitere Charaktereigenschaft, die im Verlauf immer deutlicher herausgearbeitet wird: Entschlossenheit. Bourne möchte um jeden Preis herausbekommen, wer er ist. Es sind Kleinigkeiten, mit denen diese Entschlossenheit und auch Verbissenheit von Bourne dabei zum Ausdruck gebracht werden. Er ist so vertieft in seine Recherche, dass er zum Beispiel die Einladung zum Essen mit der Crew komplett ignoriert. Er ist so fokussiert auf diese eine Frage, dass er alles um sich herum vergisst. Und dann auch so sauer, dass er vollkommen frustriert sein Leid klagt. Hier wird dann auch schon der „Vulkan“ in der Figur angeteasert, den wir später noch mehrmals beim Ausbrechen erleben dürfen.

Fragen über Fragen. Bourne blickt in eine ungewisse Zukunft (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH).

Der Geist des Jason Bourne
Wir haben also erste Infos zu einer möglichen Vergangenheit Bournes, einen kleinen Einblick in die Charakterzüge der Figur und einen großen in deren Motivation erhalten. Und all das, ohne wirklich viele Fakten bekommen zu haben. Oder gar einen Namen. Reicht aber, um neugierig genug zu sein auf unseren Protagonisten. Als Bourne im Hafen ankommt ist nicht nur er, sondern auch das Publikum bereit für das große Abenteuer.

Und ganz am Ende dieser Einführung, haben sich die Macher auch noch einen kleinen visuellen Gag erlaubt. Ganz im Einklang mit der Figur. Bourne verschwindet auf einmal, wie durch Zauberhand, von der Bildfläche, als ein durchfahrender Wagen kurz die Sicht des Zuschauers verdeckt. Wie eine Art Geist. Was ja dann doch ziemlich treffend für eine Figur ist, dessen Existenz viele Leute später nur zu gerne verleugnen würden. Ein netter kleine Abschluss einer Einführung, die mehr über die Figur verrät, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

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