Serie

Jimmy McNulty – The Wire

Irische Cops können stur sein. Merken auch bald die Drogenhändler in Baltimore. Hat immer das Herz am rechten Fleck und den Whiskey in der Hosentasche: Jimmy McNulty.

The Wire (2002 – 2008) – Die Story

Drehbuch Episode 1: David Simon, Edward Burns
Dem Cop Jimmy McNulty (Dominic West) reicht es. Zu lange hat er sich von den Drogenhändlern Baltimores an der Nase herumführen lassen. Gegen die Widerstände seiner Vorgesetzten gelingt es McNulty, eine Sonderkommission für einen Mordfall im Drogenmilieu einzurichten. Um in diesem Sumpf mal richtig aufzuräumen. Der ist aber deutlich größer, als McNulty ahnt. Ganz im Gegensatz zu dem mickrigen Budget der bunt zusammengewürfelten Truppe. Jetzt heißt es kreativ werden.

Die Einführung von Jimmy McNulty

McNulty sitzt mit dem Augenzeugen eines Mordes am Rand des Tatorts. Die Leiche, ein Afroamerikaner und Freund des Zeugen, liegt noch auf der Strasse. McNulty fragt den Augenzeugen nach dessen toten Kumpel aus. Und erfährt immerhin dessen Spitznamen: Snot Boogie. Aber nicht den Namen des Mörders. Den möchte unser Zeuge lieber nicht nennen. Er findet, man hätte Snot Boogie lieber, wie immer, nur verprügeln sollen. Da gibt ihm McNulty recht. Und läßt den Jungen weiter reden. Er erfährt, dass die Gang immer um Geld gewürfelt hat. Und Snot Boogie jedes Mal mit den Gewinnen abgehauen ist. McNulty stutzt. Wieso habt ihr ihn dann weiter mitspielen lassen? Antwortet des Zeugens: Wir sind hier doch in Amerika.

Jimmy McNulty in "The Wire" - Zitat

Die Analyse:

Eine tolle Serie braucht nicht unbedingt einen schillernden Hauptdarsteller. Der gute Jimmy McNulty möge uns verzeihen, aber der eigentliche Star in „The Wire“ ist das Storygerüst, das uns über fünf Staffeln die vermutlich beste Milieu-Studie der Seriengeschichte serviert. Hier zählt vor allem das große Ganze und das spiegelt sich dann auch clever in der Einführung der Hauptfigur wieder.

Wie Jimmy und der junge Zeuge da so direkt in Sichtweite der noch frischen Leiche quatschen, ist natürlich schon an sich ein sehr symbolisches Bild. Die Botschaft: Gewalt ist in den sogenannten „Projects“ (einem berüchtigten Häuserprojekt in Baltimore) Alltag. Egal, ob nun für den Cop oder die Bewohner. Einer der zentralen Punkte der Szene ist dann auch, zu vermitteln, dass sich die Menschen hier mit der Unvermeidlichkeit dieser Gewalt schon arrangiert haben. Nur unser guter McNulty, so deutet sich an, könnte hier vielleicht doch eine Ausnahme sein.

Jimmy McNulty in "The Wire"
Bei der Aussicht kommt keine Romantik auf (Foto: ©Warner Home Video).

Eine einfühlsame Hauptfigur
McNulty wird uns zu Beginn auf jeden Fall erst einmal als genauso abgebrühter wie empathischer Cop präsentiert. So entspannt und locker plaudern sicher nicht viele seiner Kollegen mit den dortigen Gangmitgliedern. Es ist dabei spannend zu sehen, wie McNulty geschickt seine Gesprächsführung variiert. Manchmal gibt er den neugierig Fragenden, dann wieder den einfach nur zustimmenden Zuhörer. Was offensichtlich gut funktioniert, denn unser Zeuge kommt ins Plaudern. Mit einem Cop. Unter diesen Umständen sicher kein alltägliches Bild in den „Projects“.

McNulty versteht also wie man mit den Menschen hier redet. Noch entscheidender für die Serie ist aber eine weitere Eigenschaft unseres Protagonisten, die durch eine wunderschöne Metapher ans Tageslicht kommt. Als McNulty vom unvorteilhaften Spitznamen „Snot Boogie“ des Mordopfers erfährt (freiübersetzt: „Rotzbengel“) beklagt er die Ungerechtigkeit dieses Namens. Und erzählt unserem Zeugen folgende fiktive Story: Er stellt sich vor, wie die arme Mutter des Opfers sich einst für ihren Sohn einen tollen Namen ausdachte. Und wie dieser dann einmal seine Jacke vergaß, Schnupfen bekam und statt einem Kleenex von den Kumpels nun diesen Spitznamen erntete, den er nie wieder los wurde. Wie ungerecht die Welt doch sei.

Jimmy McNulty in "The Wire"
Jetzt erzähl doch mal Junge. McNulty lauscht dem Zeugen (Foto: ©Warner Home Video).

Metaphern für das große Ganze
Das ist natürlich eine kleine Story, die nur so nach Metaebene schreit. Dahinter steckt etwas Größeres. Nämlich eine Mutter, die ihren Sohn liebevoll lange Jahre aufzieht. Ein Sohn, der aber von Anfang an keine Chance hat, nie Hilfe bekommt und aufgrund eines dummen Fehlers dann bestraft wird. Und nun tot auf der Straße geendet ist. So ist das eben in den „Projects“. Womit dann auch geschickt McNultys moralischer Kompass etabliert wäre. Denn wenn McNulty darüber spricht, wie verdammt unfair er die Sache mit dem Spitznamen findet, wird damit natürlich eigentlich transportiert, wie ihn diese verfluchte ungerechte Ausweglosigkeit in den „Projects“ ankotzt.

Und jetzt kommen wir zu einem der wichtigsten Momente in der Einführung dieser Figur. Angesprochen auf diese Ungerechtigkeit reagiert McNultys Gesprächspartner nur mit einem Schulterzucken. Unser Augenzeuge lamentiert, dass dies hier nun mal eben so sei. McNulty läßt das aber nicht auf sich sitzen. Er kontert mit einer investigativen Frage: „So, who shot Snot?“. Mit anderen Worten: McNulty will sehr wohl etwas dagegen tun und den Schuldigen finden. Nix mit Hoffnungslosigkeit, her mit dem Wind der Gerechtigkeit. Offensichtlich haben wir es also mit einer Hauptfigur zu tun, die den Status Quo nicht einfach so akzeptieren will.

Jimmy McNulty in "The Wire"
Irgendwie unfair für die Jungs. McNulty wird nachdenklich (Foto: ©Warner Home Video).

Würfeln in Amerika
In der Fortsetzung des Gesprächs geht es dann erst einmal wieder auf die metaphorische Ebene. Diesmal kommt die symbolträchtige Geschichte allerdings von unserem Augenzeugen. Der erzählt, wie das Opfer ihn und seine Jungs immer beim Würfeln beklaut hat. McNulty gibt hier nun den neugierigen Zuhörer. Greift dann aber in das Geschehen wieder ein, als ihn etwas an der Geschichte stutzig macht. McNulty hakt mehrmals nach und will wissen, wieso die Jungs das Opfer denn überhaupt haben mit würfeln lassen, wenn er sie doch eh immer nur am Ende beklaut hat.

Dieses ständige Nachhaken und Hinterfragen ist eine Eigenschaft, die manchen Vorgesetzten von McNulty später noch zur Weißglut bringen wird. Wieder also eine Charaktereigenschaft etabliert. Zentraler für die Einführung der Figur ist aber deren Reaktion auf die Antwort unseres Zeugen. Als dieser lapidar kontert, dass man das Opfer habe mitspielen lassen, weil dies hier ja Amerika sei, muss McNulty bis über beide Ohren grinsen. Ein Grinsen, dass wie eine kleine Liebeserklärung an das ganz spezielle soziale Gefüge in den „Projects“ verstanden werden darf. Zumindest hier in den „Projects“ sind alle gleich und jeder darf mitmischen. Gut, danach wurde der diebische Zocker stets verprügelt. Aber sein Recht immer wieder mitzumachen hatte er trotz langer Finger nie verloren.

Jimmy McNulty in "The Wire"
„Snot Boogie“ hat das letzte Mal seine Nase geputzt (Foto: ©Warner Home Video).

Ein empathisches Sahnehäubchen
Die eigentlich trostlos wirkende Einführungsszene von McNulty endet also mit einem breiten Lächeln. Es wird deutlich, dass unser irischer Cop dieses ganz spezielle Umfeld auf irgendeine Art und Weise doch auch gern hat. Und den Zusammenhalt dieser Außenseiter irgendwie auch bewundert – so komisch das klingen mag. Bei all der großen Symbolik, die unserer Einführungsszene in „The Wire“ innewohnt, am Ende gibt es einen empathischen kleinen Charaktermoment als Sahnehäubchen.

Trotzdem gehört hier nicht McNulty sondern eben dem großen Ganzen die Bühne. Das merkt man auch schon daran, was die Einführungsszene alles wegläßt. McNultys zahlreiche Affären oder sein überbordender Alkoholkonsum werden hier nicht mit einem Wort erwähnt. Stattdessen liegt der Fokus alleine auf McNultys Verhältnis zu den „Projects“ und seinen Bewohnern. Und damit steht dann auch diese Einführung der Hauptfigur wieder perfekt für die Essenz einer ganzen Serie. Eine Serie, in der die wichtigste Funktion der Hauptfigur ist, dass sie uns Zuschauern einen Blick in eine andere Welt ermöglicht.

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