Abgeschweift

Oscar und der Mainstream

„Parasite“? Kenne ich nicht. Warum das Unwissen eines Arbeitskollegen der Academy zu denken geben sollte.

Wo ist die Emotion?
Mit Traditionen ist das ja so eine Sache. Selbst wenn man von diesen irgendwann einmal nicht mehr überzeugt ist, hält man aus Nostalgie dann doch meist daran fest. Jedes Jahr quäle ich mich so immer wieder aufs Neue eine Nacht lange live durch die Oscarverleihung. Ich rege mich über uninspirierte Dankesreden und unnötige Showeinlagen auf. Und wundere mich, warum ausgerechnet bei den Oscars oft so schlecht geschnittene Filmmontagen zu sehen sind. Ganz ehrlich, der Bond-Tribut vor ein paar Jahren wäre selbst für einen Praktikanten ein Armutszeugnis gewesen. Aber vielleicht ist das ja auch nicht so überraschend angesichts der Tatsache, dass ausgerechnet die Schauspieler ja immer die grausamsten Dankesreden halten. Im Gegensatz zu den Golden Globes gibt es dazu auch keinen scharfzüngigen Ricky Gervais als Moderator, der einem das Ganze zumindest noch ein bisschen versüsst. Von den Auswirkungen der aufgeblähten Sendedauer auf den nächsten „Arbeitstag“ mal ganz zu schweigen.

Aber Tradition ist Tradition und so habe ich auch dieses Jahr durchgehalten. Immerhin noch motiviert durch meine jährliche Oscarwette mit einem alten Studienkumpel, die ich nach langer Zeit mal wieder für mich entscheiden konnte. Ausgerechnet dank der Kategorie „Beste Tonmischung“, die es dieses Jahr wohl zum letzten Mal gegeben hat. Am Ende ist mein Durchhaltevermögen aber zumindest durch den überraschenden Doppel-Triumph von „Parasite“ in den beiden Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ belohnt worden. Trotzdem fällt mir auf, dass ich im Vergleich zu früher inzwischen deutliche emotionsloser mitfiebere. Aber warum ist das eigentlich so?

„Parasite“. Sehr guter Film, kennt nur kein Schwein. 

 

Früher war alles besser?
Ein Blick auf die Liste der Oscar-Gewinner blinkt Licht ins Dunkel. Wenn man sich einmal die Siegerfilme der 90er Jahre anschaut, dann blickt man auf so Klassiker wie „Forrest Gump“, „Schindlers Liste“, „Der mit dem Wolf tanzt“ oder „Das Schweigen der Lämmer“. Die letzten Sieger hießen dagegen „Parasite“, „Green Book“, „Shape of Water“ und „Moonlight“. Klar, Filme brauchen oft Zeit, um zum Klassiker zu reifen. Aber es läßt sich doch mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass in diesen Fällen das wohl eher nicht der Fall sein dürfte. Und wenn, dann nur in einem kleinen elitären Kreis. Denn die letztjährigen Oscar-Gewinner haben, im Gegensatz zu ihren Pendants aus den 90ern, einfach absolut null Mainstreampotential.

Eigentlich sollte ich mich darüber ja freuen. Schließlich bin ich ja oft derjenige, der ständig den Freunden auf die Nerven geht mit seinem, zumindest für den Mainstream-Kinogänger, eher exotischeren Filmgeschmack. Aber die Oscar-Verleihung hat definitiv ein Problem, wenn man am nächsten Tag in die Arbeit geht und die Kollegen verwundert fragen, was denn dieser „Parasite“ überhaupt für ein Film sei. Und ob der überhaupt im Kino gelaufen ist. Ähnliche Reaktionen habe ich damals auch nach „Moonlight“, „Birdman“ oder „The Artist“ bekommen.

Die 90er und ihre Mainstream tauglichen Oscar-Gewinner.

 

Hollywoods Yin und Yang
Jetzt könnte man sich natürlich einfach auf die Schulter klopfen. Ist halt was für Kenner, das filmische Proletariat soll ruhig draußen bleiben. Und ja, man fühlt sich clever, wenn man dank etwas ausgeprägterem Filmwissen dem „einfachen Kinogänger“ nun die helfende Antwort reichen kann. Und erst mal minutenlang über die gesellschaftlichen Allegorien von „Parasite“ philosophiert. Aber ganz ehrlich, mir fehlt mal wieder ein „Titanic“. Ein wirklicher Blockbuster auf dem Thron, der mehr als nur Cineasten hinter dem Ofen hervorholt. Und über den man sich dann auch mit der breiten Masse unterhalten kann. Stattdessen geht der Oscar immer mehr in die Richtung eines elitären Nischen-Events. Und genau dieses Gefühl schmälert so ein bisschen die emotionale Vorfreude auf die Oscarverleihung.

Das soll jetzt nicht heißen, dass ich „Parasite“ nicht den Oscar gönne. Ab und zu sind solche eher „Arthouse“-lastigen Filme eine willkommene Abwechslung auf dem Podest. Eine dringend nötige Abwechslung. Aber sie sollten nicht zur Gewohnheit werden. Yin und Yang eben. Wir brauchen also dringend mal wieder einen Film, der die Massen hinter sich vereint. Oder, wir wollen ja bescheiden bleiben, den wenigstens alle zumindest vom Namen kennen. Und es soll keiner sagen, dass sich solche Chancen in den letzten Jahren nicht geboten haben (siehe „La La Land“, „Joker“, „Gravity“ oder „Inception“). Sicher, der intelligente Mainstreamfilm wird immer seltener. Aber gerade deswegen sollte man diesen dann doch bitte mal wieder mit einer schönen goldenen Statue würdigen. Vielleicht ja schon nächstes Jahr. Auch wenn das wohl nur ein frommer Wunsch ist. Am Ende ist wohl nur eines sicher: Das ich um 4 Uhr morgens wieder vor dem Fernseher sitzen werde um innerlich über uninspirierte Dankesreden zu fluchen…

Zugegeben, manchmal geht es auch kürzer.

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