Film

Alonzo Harris – Training Day

Ein guter Cop hält sich an die Gesetze. Ein Böser hält sie für Interpretationssache. Freut sich, wenn eine kleine Erpressung es mal wieder in der Haushaltskasse klingeln läßt: Alonzo Harris.

Training Day (2001) – Die Story

Drehbuch: David Ayer
Das Drogendezernat in Los Angeles –wer möchte da nicht arbeiten. Geht aber natürlich nur mit Probearbeitstag. Und den darf der noch relativ unerfahrene Polizist Jake Hoyt (Ethan Hawke) ausgerechnet beim genauso knallharten wie korrupten Drogenermittler Alonzo Harris (Denzel Washington) absolvieren. Schon bald wird deutlich, dass hier in Sachen Moral zwei Welten aufeinanderprallen.

 

Die Einführung von Alonzo Harris

Hoyt erhält am Morgen seines Probearbeitstages einen Anruf von Alonzo, worin dieser ihm den gemeinsamen Treffpunkt mitteilt. Keine klassische Einsatzbesprechung, die sei ja nur für Streifenschwuchteln. Bitte lieber in ziviler Kleidung im Café treffen. Dort angekommen wird Hoyt erst einmal von dem an einem Tisch sitzenden Alonzo ignoriert. Der möchte viel lieber Zeitung lesen als belanglosen Smalltalk führen. Aber da der Menschenfreund Hoyt offensichtlich an einer Konversation interessiert ist, soll er Alonzo doch einfach mal eine gute Geschichte erzählen.

Jake berichtet Alonzo daraufhin stolz von einer Fahrzeugkontrolle, bei der er einst, zusammen mit einer Vorgesetzten, Waffen und Amphetamine gefunden hat. Für Alonzo gähnend langweilig. Ihn interessiert eher, ob Jake damals die ihn begleitende Polizistin flachgelegt hat. Jake verneint. Er sei schließlich verheiratet. Kein wirklich überzeugendes Argument für Alonzo, der nun die Existenz von Jakes Penis in Frage stellt. Falls der Penis aber vorhanden sei, so Alonzo, würde in dessen benachbarten Hosentaschen sicher genug Geld stecken, um die aktuelle Rechnung zu bezahlen. Sagt es und verläßt den Tisch.

Alonzo Harris in "Training Day" - Zitat

Die Analyse

Ach, Bösewichte sind einfach sexy. Als moralisch integrer Held hat man in der Hinsicht oft einfach schlechte Karten. Schließlich darf man nicht zu stark über die Strenge schlagen. Ein gutes Beispiel dafür ist die wundervolle Einführung von Alonzo Harris in „Training Day“. Coole Sau gegen blaßer Held. Gut, am Ende der klassischen Hollywood-Dramaturgie bringt dieser Vorteil unserem Bösewicht natürlich nichts. Aber zumindest in den ersten Minuten kann er sich der Faszination des Publikums sicher sein.

Es dauert dabei nur wenige Minuten bis uns „Training Day“ das charismatische Gegenstück zu unserem anständigen Helden präsentiert. Und in dieser Einführungsszene dann auch gleich mal geschickt die entscheidenden Konflikte für die folgenden zwei Stunden etabliert. Ausbilder versus Lehrling, korrupt versus integer, cool versus unsicher und profan versus anständig. Ganz schön viel los hier zu Beginn.

Jake Hoyt in "Training Day"
Familienidylle im Hause Hoyt (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Eine doppelte Einführung
Streng genommen erfährt unser Bösewicht dabei eine Art doppelter Einführung. Erst hören wir ihn nur am Telefon bevor wir ihn dann das erst Mal in Person kennenlernen. Wobei der erste Eindruck zu seiner Person sogar noch einen kleinen Ticken früher erfolgt. Aber der Reihe nach. Bösewicht und Held sind ja immer eng aneinander gekoppelt. Und so funktioniert die Einführung von Alonzo Harris natürlich vor allem deswegen hier so gut, weil wir davor deutlich gemacht bekommen, wie denn die Gegenseite aussieht.

Jake Hoyt wird direkt zu Beginn als rechtschaffener Ehemann etabliert, der sich liebevoll um seine Frau und das gemeinsame Kind kümmert. Ein ganz normaler Mann wie du und ich, der darüber philosophiert in der Karriereleiter weiter aufsteigen zu wollen, um ein schöneres Häuschen für die Familie kaufen zu können. Kaum ist Jake als netter Allerweltsmann etabliert, klingelt auch schon das Telefon. Die andere Seite ruft an.

Jake Hoyt in "Training Day"
Alonzo macht Jakes Frau happy. Glücklicherweise nur am Telefon (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Bei Anruf Bösewicht
Den ersten Vorgeschmack auf Alonzo bekommen wir dabei, bevor wir überhaupt ein Wort von ihm vernommen haben. Erst einmal hören wir nämlich nur die Stimme von Jakes Frau, die den Hörer abnimmt. Bei deren kurzer Konversation mit Alonzo, von der wir nur ihren Part vernehmen, muss diese breit lächeln. Ist offensichtlich ein charismatischer Zeitgenosse am anderen Ende der Leitung. Noch wichtiger ist aber eine weitere Reaktion. Als seine Frau Jake deutlich macht, wer hier in der Leitung ist, bekommt der gute Jake spürbar Panik. Und muss erst einmal tief durchatmen, bevor er dann den Hörer übernimmt.

Wir als Zuschauer haben noch keinen Blick auf Alonzo geworfen, noch kein Wort von ihm gehört und haben trotzdem schon eine erste Meinung. Scheint ein dominanter Typ zu sein, der aber offensichtlich gut Frauen um den Finger wickeln kann. Reaktionen sind eben mindestens genauso aussagekräftig wie Aktionen. So elegant kann Einführung gehen.

Jake Hoyt in "Training Day"
Ganz ruhig bleiben, der Chef ist dran (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Statusspiele am Telefon
Das folgende Telefongespräch etabliert nun aber erst so richtig die Unterschiede zwischen unseren beiden zentralen Protagonisten. Ab jetzt werden nämlich vor allem zwei Sachen immer stärker herausgearbeitet: Der Statusunterschied zwischen Harris und Hoyt und deren unterschiedliche moralische Positionierung. Beginnen wir mit dem Status.

Chef versus Untergegebener, Ausbilder versus Rekrut. Diese Bilder werden alleine schon durch die Art der Gesprächsführung vermittelt. Alonzo dominiert das Gespräch. Er gibt klare und deutliche Anweisungen, fällt Jake immer wieder ins Wort und läßt diesen gar nicht erst ausreden. Auf der anderen Seite haben wir Jake, der passiv ist und Alonzo einfach bei allem zustimmt. Auch Jakes unsichere Körpersprache spricht Bände. Es ist klar, wer hier die Hosen anhat.

Jake Hoyt in "Training Day"
Tief durchatmen, das Alphatier hat aufgelegt (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Wann ist ein Mann ein Mann?
Gleichzeitig wird im Telefonat aber auch schon angedeutet, wer hier der Saubermann und wer der etwas rüpelhaftere Zeitgenosse ist. So nutzt Alonzo deutlich primitiveres Vokabular und macht sich über die normalen Beamten und deren „Schwuchtel-Appelle“ lustig. Wenig später spricht er dann auch direkt aus, dass seine Jungs eine aggressive Einheit sind. Richtige Männer eben.

Der unterwürfige Gesprächspartner auf der anderen Seite läßt derweil gar nicht erst den Verdacht aufkommen über irgendwelches Aggressionspotential zu verfügen. Das wird am Ende dadurch auf die Spitze getrieben, dass Hoyt sich bei Alonzo für das Telefonat gar bedanken will. Höflicher Junge eben. Dazu kommt er aber gar nicht, da Alonzo einfach direkt auflegt. Die Frage nach dem höheren Status ist spätestens jetzt endgültig geklärt. Um das noch weiter zu verdeutlichen legt Jake aber noch einmal einen obendrauf. Er schnauft nach dem Telefonat einmal durch und teilt anschließend seiner Frau mit, dass er einfach verdammt gerne in Alonzos Team wäre. Was schon fast eine Glorifizierung seines Gegenspielers ist – trotz dessen aggressiven Auftretens.

Alonzo Harris in "Training Day"
Lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen: Alonzo Harris (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Wie Vater und Sohn
Aber irgendwann wollen wir unseren Protagonisten von der dunklen Seite natürlich auch mal live und in Farbe sehen. Und das folgende Treffen im Café zeigt die Gräben zwischen Jake und Alonzo dann nur noch umso deutlicher. So wird Jakes Begrüßung gleich mal von Alonzo ignoriert, der lieber seine Zeitung liest. Und als Jake eine Anfrage der Kellnerin nach einem Frühstück verneint korrigiert ihn Alonzo umgehend. Junge, du brauchst was zu essen. Das erinnert doch schon stark an einen strengen Patriarchen. Passenderweise würdigt Alonzo Jake dabei nicht einmal eines Blickes.

Das Psychoduell der zwei Männer geht dann direkt in die nächste Runde. Während Alonzo relaxt in der Zeitung stöbert versucht Jake zögernd Konversation zu betreiben. Abgeklärt versus unsicher. Und dominant versus unterwürfig, denn Alonzo äußert dann auch ziemlich direkt, dass Jake doch einfach nur die Klappe halten soll. Woraufhin sich dieser dann erst einmal wieder für sein Verhalten unterwürfig entschuldigt.

Alonzo Harris in "Training Day"
Habe ich dich! Alonzo erschreckt Jake (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Jake, der Entertainer
Am Besten läßt sich der Statusunterschied zwischen den Beiden dann aber kurz darauf beobachten. Jetzt übernimmt Alonzo nämlich das Kommando und bittet Jake, wenn dieser schon so konversationsgeil ist, doch bitte wenigstens eine ihm würdige Geschichte zu erzählen. Wenn Jake schon nicht ruhig bleiben kann. Jake als Entertainer von Alonzo – das ist mehr als bezeichnend.

Und dann auch schon fast wieder etwas zu viel des Guten, erfüllt aber natürlich am Ende den Zweck. Doch genug von Hoch- und Tiefstatus, was gibt es denn noch so zu entdecken? Die Szene im Café greift zum Beispiel auch Alonzos Meinung zum weiblichen Geschlecht noch einmal auf. Statt der Geschichte vom Einsatz Jakes zu lauschen, möchte Alonzo lieber wissen, ob Jake die ihn begleitende Ausbilderin flachgelegt hat. Womit dann auch wieder geschickt die moralischen Unterschiede der zwei Polizisten herausgearbeitet werden.

Alonzo Harris in "Training Day"
Wehe, deine Geschichte taugt nichts. Alonzos Zeit ist wertvoll (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Die Moral von der Geschichte
Mit seinem primitiven Vokabular (hatte die Dame eine „Leck-mich-Lizenz“) wird Alonzo geschickt in die eine Charakterecke verfrachtet, während Jake in der anderen mit der Moralkeule schwingen darf (aber ich bin doch verheiratet!). Das Alonzo dann auch noch mitten im Gespräch mit einem „Buh“ Jake erschreckt und kurzzeitig aus der Fassung bringt unterstreicht, dass er hier als der unberechenbare Bösewicht, der sich nicht an die Regeln hält, etabliert werden soll.

Was die Charakterzeichnung angeht gesellt sich zur Wortwahl und Körpersprache natürlich auch noch das Outfit der Beiden. Der eine im biederen Pullover, der andere in Schwarz mit prunkvollem Goldklunker. Es wird sozusagen aus allen Rohren geschossen, um unsere beiden Kontrahenten möglichst diametral voneinander zu positionieren.

Alonzo Harris in "Training Day"
StVO? Nie gehört. Alonzo auf dem Weg zur Arbeit (Foto: ©Warner Home Video – DVD).

Eine Strasse mit Symbolkraft
All das wird am Ende dann auch noch wundervoll in einem weiteren Bild wunderschön zusammengefasst. Als die zwei das Café verlassen laufen sie über eine vielbefahrene Strasse. Eine ganz simple Handlung, die aber voller Hinweise auf die unterschiedlichen Charaktere steckt. Alonzo geht voraus, Jake geht hinterher. Alonzo blickt entschlossen nach vorne, Jake ängstlich zur Seite. Denn dort bremsen alle Autos gerade abrupt ab, was Alonzo aber gar nicht kümmert. Jake hätte wohl lieber brav die Ampel genommen. Alonzo ist dagegen zu cool dafür. Keine Regeln, keine Angst.

Und so bleibt am Ende eine sehr gelungene Einführung eines klassischen Bösewichts, der allerdings auch nur dadurch auch so interessant wird, weil wir einen „langweiligen“ Gegenpart mit an seine Seite gestellt bekommen. Das Ganze wird hier zwar stellenweise schon sehr auf die Spitze getrieben, aber es ist doch spannend zu sehen, auf welch unterschiedliche Arten und Weisen „Training Day“ seine Botschaft ins Hirn des Betrachters hämmert. Von Körpersprache und Outfit hin zu Vokabular und Dialogführung – es gibt eben viele Wege, um einen Charakter glänzen zu lassen.

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