Serie

Dale Cooper – Twin Peaks

So ein Mordfall kann schon aufs Gemüt schlagen. Nach einem Stück Kirschkuchen und einem Kaffee sieht die Welt aber doch gleich wieder viel rosiger aus. Spricht genauso gerne mit seinem Diktiergerät, wie mit Verdächtigen: Special Agent Dale Cooper.

Twin Peaks (1990 – 1991) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Mark Frost, David Lynch
FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) wird in die beschauliche Kleinstadt Twin Peaks entsandt, um den Mord an der jungen Laura Palmer aufzuklären. Schon bald stellt er allerdings fest, dass es hinter den Kulissen dieses Örtchens mit der romantischen Beschaulichkeit schnell vorbei ist.

Die Einführung von Dale Cooper

Auf seiner Autofahrt nach Twin Peaks bewundert der FBI-Agent Dale Cooper die unglaubliche Anzahl der Bäume am Wegesrand. Eine Info, die er lustvoll in sein kleines Diktiergerät für eine gewisse Diane einspricht. Fleissig plaudert er weiter über das Wetter und sein Mittagessen. Für nur 6 Doller und 31 Cent übrigens ein verdammt gutes Mittagessen. Den Kirschkuchen müsste Diane unbedingt einmal probieren.

Schließlich spricht Dale über sein Treffen mit dem örtlichen Sheriff und einen anstehenden Besuch im Krankenhaus, in dem eine junge Frau mit Verletzungen eingeliefert wurde. Dale hofft auch inständig, dass der Sheriff ihm ein wirklich sauberes Motel zu einem vernünftigen Preis empfehlen kann. Und zum Schluss fällt ihm ja noch etwas ganz Wichtiges ein: Er muss unbedingt herausfinden, was das genau für Bäume sind, die hier im Wegesrand stehen. Wirklich ganz speziell, diese Dinger.

Dale Cooper in "Twin Peaks" - Zitat

Die Analyse:

34 Minuten und 32 Sekunden. So lange dauert es bis „Twin Peaks“ seine Hauptfigur, den Detective Dale Cooper, einführt. Davor wird diese nicht einmal erwähnt. Stattdessen verbringen wir die meiste Zeit mit den Dorfbewohnern von Twin Peaks und ihren Reaktionen auf den Mord an der Dorfschönheit Laura Palmer. Das man solange mit dem Protagonisten hinter dem Berg hält ist schon sehr ungewöhnlich. Und in der heutigen schnelllebigen Streaming-Zeit kaum noch vorstellbar.

„Twin Peaks“ legt vor allem Wert auf die Atmosphäre und das Figurenkonstrukt des gleichnamigen Ortes. Dieser Fokus wird durch das ungewöhnlich späte Auftauchen der Hauptfigur unterstrichen. Kommt doch erst mal in die richtige Stimmung hier, bevor wir euch Dale als Identifikationsfigur vorbeischicken. Man hat als Zuschauer also eine gewisse Freiheit, die Menschen des Ortes selbst für sich zu entdecken und „muss“ nicht von Anfang an alles durch die Augen eines zentralen Protagonisten wahrnehmen. Und so wird der späte Auftritt der zentralen Figur ein Vorteil und kein Nachteil für die Serie.

Dale Cooper in "Twin Peaks"
Dale an Diane: Hast einen leckeren Kirschkuchen verpasst (Foto: ©Paramount).

Voice-Over auf Band
„Twin Peaks“ macht aber noch etwas ziemlich clever in Sachen Charaktereinführung. Wie schon oft angesprochen ist das Problem bei einem alleine agierenden Protagonisten ja immer, wie man dessen Gemütszustand und Charakter etabliert, wenn dieser keinen Gegenpart zur Interaktion hat. Voice-Over ist hier oft die klassische Antwort, die aber meist eher aus Faulheit denn aus kreativem Antrieb heraus gewählt wird. Hier findet „Twin Peaks“ mit dem Diktiergerät und der unbekannten Adressatin (mehr als den Namen „Diane“ bekommen wir nicht) eine ziemlich einfallsreiche Lösung. Die aber auch nur dadurch so gut funktioniert, weil das Drehbuch diese auch wundervoll lakonisch einsetzt.

So gibt es zwei Ebenen, auf denen der Monolog von Dale in sein Diktiergerät zu betrachten ist. Einmal bekommen wir klassische Exposition geliefert. Dale spricht über den Ort zu dem er fährt, darüber, dass er nun den Sheriff treffen, eine Frau befragen und vor Ort in einem Motel übernachten wird. Soviel zu den trockenen Fakten. Versüßt wird das Ganze aber parallel durch eine wundervolle Charakterzeichnung, die uns Dale als detailversessenen, liebenswürdigen, humorvollen, anspruchslosen und irgendwie leicht schrägen Zeitgenossen präsentiert.

Dale Cooper in "Twin Peaks"
Augen auf den Notizblock, die Hand am Diktiergerät. Vorbildfunktion am Steuer sieht anders aus (Foto: ©Paramount).

Liebe steckt im Charakterdetail
Der große Fokus der Szene liegt genau auf diesem „weichen“ Charakteraufbau. Hier legt sich die Szene richtig ins Zeug. Detailversessen benennt Dale die genaue Lage seines Zielortes Twin Peaks, nennt die exakte Temperatur, die verbleibende Restmenge seiner Tankfüllung und schildert detailreich sein Mittagessen (Thunfischsandwich mit Vollkornbrot). Diese oftmals trocken wirkende Detailverliebtheit wird immer wieder durch eben so trockenen Humor unterbrochen, etwa wenn Dale sich über den Berufsstand der Wettermänner lustig macht oder einen ironischen Seitenhieb auf einen berühmten amerikanischen Komiker einschiebt.

Dieser trockene Humor wird dann wiederum aber immer wieder von einer fast kindlichen Begeisterung begleitet. Da schwärmt Dale erregt von den großartigen Bäumen der Umgebung oder preist in höchsten Tönen den grandiosen Kirschkuchen von seinem letzten Zwischenstopp. Alleine seine Faszination mit den Bäumen, die er am Ende der Szene nochmals aufgreift („got to find out what those trees are…they are really something“), verleiht der Figur ihr ganz eigenes Flair.

Dale Cooper in "Twin Peaks"
Twin Peaks ich komme. Erst werden aber diese seltsamen Bäume bewundert (Foto: ©Paramount).

Die Hauptfigur als Spiegelbild der Serie
So fokussiert sich die Einführung von Dale in „Twin Peaks“ darauf, seiner Hauptfigur auf elegante Art und Weise ein paar Ecken und Kanten zu geben und diese als leicht schrägen Vogel zu etablieren. Der sich wiederum lediglich ein sauberes und preiswertes Motel für den Abend wünscht und so ebenfalls als sehr genügsam und anspruchslos daherkommt. Übrigens, dadurch, dass Dale die ganze Zeit über nur in einer einzigen Kameraeinstellung gezeigt wird, hat man als Zuschauer auch die nötige Ruhe, um all diese kleinen Ecken und Kanten so richtig zu genießen und zu entdecken. Harte Fakten zur Vergangenheit von Dale sucht man in dieser Einführung dagegen vergeblich, stattdessen wird eben Wert auf dessen Macken und kleinen Eigenheiten gelegt. Mit Erfolg, denn als Zuschauer ist man schnell fasziniert von diesem seltsamen Zeitgenossen.

Und das wiederum passt perfekt in das Bild der Gesamtserie. Man könnte gewissermaßen argumentieren, dass auch bei der Charakterzeichnung in der Einführungsszene von Dale der Wert vor allem auf der Atmosphäre/Aura, welche die Figur umgibt, liegt. Also die Stimmung, die sie ausstrahlt. Die Hauptfigur ist genauso sonderbar wie der Ort und die restlichen Figuren der Serie und genau dies wird eben in deren Einführung herausgearbeitet. Manchmal ist es eben nicht nötig gleich alle Verwandtschaftsverhältnisse, dunkle Geheimnisse und extravagante Laster offen auf den Tisch zu legen. Wenn es die Serie nicht verlangt, kann das Interesse des Zuschauers an der Figur eben auch erst einmal nur durch ein paar sympathischen Macken geweckt werden. Ein schräger Vogel auf dem Weg in ein ungewöhnliches Örtchen – das kann ja heiter werden.

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