Abgeschweift

Wives beware – das Autokino ist zurück

Und wieder etwas von der Bucket-List gestrichen. Vom Besuch eines Drive-In-Kinos, Flammkuchen und vergesslichen Ehemännern.

Breite macht erfinderisch
Was unternimmt man, wenn die eigene Mutter nicht mehr in den Kinosessel passt? Eine strenge Diät wäre eine Lösung. Aber dafür müsste man wohl ziemlich viel mit Mutti reden. Klingt anstrengend. Entspannter erscheint da schon eine technisch-„männliche“ Lösung. Dachte sich Anfang der 1930er Jahre Richard Hollingshead und patentierte nach etwas Tüftelei seine Idee des Autokinos.

Für den Erfolg musste die Zielgruppe aber natürlich „noch breiter“ werden und so lockte er ganze Familien mit diesem überzeugenden Werbeslogan an: „The whole family is welcome, regardless of how noisy the children are.“ Ob bei der Premiere die Ehefrauen den Film aber wirklich genossen haben dürfte zumindest zweifelhaft sein. „Wives beware“, der erste offizielle Autokino-Streifen, handelte von einem Mann, der mit seiner Frau nicht mehr zufrieden ist und eine Amnesie vortäuscht um seine zahlreichen Affären zu rechtfertigen. Nein, nicht wirklich ein Hollywoodklassiker.

Ein Medium verklärt sich selbst
Die gab es übrigens auch in der späteren Blütezeit der Autokinos in den 1950er nur selten zu sehen. Schon immer wurde hier eher Ausschussware gezeigt. Wobei wir in erster Linie diese Zeit ja sowieso eher mit beschlagenen Fensterscheiben und einer geringeren Aufmerksamkeitsspanne jugendlicher Pärchen verbinden. Was wiederum das Ergebnis romantischer Verklärung und eindimensionaler Darstellung in Hollywoodfilmen ist.

Spätestens in den 70ern verschwand das Autokino dann in der Versenkung. So tief, dass selbst ich als Filmliebhaber überrascht war vor kurzem zu hören, dass es tatsächlich noch ein paar festinstallierte Überbleibsel im Lande gibt. Allerdings lebe ich ja auch etwas abseits der Metropolen. „Dank“ Corona bot sich jetzt aber die Gelegenheit direkt um die Ecke auf dem heimischen Weinberg in Nostalgie zu schwelgen. Gepaart mit etwas Skepsis, ob man vielleicht lieber doch nicht zu viel erwarten durfte.

Autokino

Vom Winde verweht
Dass das Konzept des Autokinos als Geschäftsmodell wohl etwas riskant ist, wurde dann auch gleich zu Beginn deutlich. Da machte der Wind den sympathisch motivierten Organisatoren gleich mal einen Strich durch die Rechnung und die Veranstaltung wurde um eine Woche verschoben. An einem lauen Maiabend war es aber dann soweit und dank frühzeitiger Ankunft wurde ein Platz in der dritten Reihe ergattert. Umgeben von Weinreben und inklusive romantischen Sonnenuntergangs. Zugegeben, das schlägt die sterile Multiplex-Atmosphäre um Längen.

Negativ Auswirkungen hatte dagegen meine jahrelang antrainierte geradlinige Parktechnik. Die macht logischerweise nur Sinn, wenn auch die Leinwand direkt vor einem ist. Und nicht schräg links. Einmal geparkt ist es aber mit dem Manövrieren etwas schwierig. Und den links von mir parkenden Afri-Cola trinkenden Mädels wollte ich dann auch nicht den gerade erstandenen VW-Golf zerdellen. Also beißt man in den sauren Apfel und nimmt eine leichte Verrenkung in Kauf, um beim Film die eigene Fahrzeugkarosserie aus dem Bildfeld zu halten.

Autokino

Freddy auf dem Weinberg
Dank gut funktionierendem Lieferservice, meinem wohl ersten Kino-Flammkuchen, sauberem Ton und ordentlicher Bildqualität bleibt der Abend aber trotzdem positiv im Gedächtnis. Auch wenn der Film nicht ganz die Erwartungen erfüllte. Aber jetzt als alter Queen-Fan die weichgespülte Handlung von „Bohemian Rhapsody“ auseinanderzunehmen würde hier den Rahmen sprengen. Die Musik konnte man ja trotzdem genießen und da auch die Autobatterie hielt darf der Abend als durchaus erfolgreich verbucht werden.

Fraglich aber, ob das Autokino viel Schwung aus diesem kleinen Boom in die Nach-Corono-Zeit retten kann. Dafür ist der damit verbundene Zeitaufwand für unsere so durchgetaktete Moderne dann doch einfach zu groß. Zumindest um die Massen anzuziehen. Aber als vereinzeltes Sommerspecial mag das Ganze durchaus Zukunft haben. Und wer sich mit dem großen Camper in die letzte Reihe stellt dürfte mit seiner Herzensdame auch ungestört sein. Was je nach Beziehungsstatus für einige Leute wohl wie ein verführerisches Angebot klingen dürfte. Wives beware!

Ein kleiner Snack zum Schluss gefällig?

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