Film

Frank Abagnale Jr. – Catch Me If You Can

Einmal im Leben Pilot sein. Oder Arzt. Oder Rechtsanwalt. Am Besten gleich alles. Vertraut dafür weniger dem klassischen Ausbildungssystem als dem eigenen Hochstaplertalent: Frank Abagnale Jr.

Catch Me If You Can (2002) – Die Story

Drehbuch: Jeff Nathanson
Mit gerade einmal 16 Jahren unternimmt Frank William Abagnale Jr. (Leonardo diCaprio) seine ersten Gehversuche als Scheckfälscher. Der Erfolg gibt ihm recht und sorgt schnell für höhere Aspirationen. Wieso sich nicht als Pilot oder Arzt ausgeben um sich so Geld, Anerkennung und Frauenherzen zu sichern. Allerdings hat der FBI-Agent Carl Hanratty etwas dagegen und so beginnt schon bald ein unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel.

 

Die Einführung von Frank Abagnale Jr.

Wir hören Applaus. Und sehen ein farbenprächtiges 70er Jahre Fernsehstudio. Ein Moderator begrüßt uns zur Quizshow „To tell the Truth“. Das Prinzip der Sendung: Ein Rateteam muss herausfinden wer der nun folgenden drei Gäste die zu erratende Person ist. Der Moderator klärt uns auf, dass der gesuchte Mann der unglaublichste Hochstapler sei, der je in dieser Sendung vorstellig wurde. Es öffnet sich ein großes Tor und drei Männer treten heraus, die sich alle als Frank William Abagnale vorstellen.

Ein Sprecher informiert das Publikum nun darüber, welche abenteuerliche Lebensgeschichte hinter der gesuchten Person steckt. Während die Kamera alle drei Männer abschwenkt erfahren wir Details über Franks betrügerische Karriere als Pilot, Arzt und Rechtsanwalt. Und, dass er verhaftet wurde, nachdem er sich mehrere Millionen Euro durch Scheckbetrug erschlichen hatte. Noch bevor er 19 Jahre alt wurde. Die drei Franks setzen sich auf ihre Plätze und werden nun vom Rateteam befragt. Die Frage, wieso er keinen ehrbaren Beruf ergriffen hat, beantwortet der erste (falsche) Frank mit notorischen Geldmangel. Als nächstes ist der echte Frank dran. Auf die Frage, wer ihn denn festgenommen hätte, antwortet dieser kurz und knackig: „His name was Carl Hanratty“.

Frank Abagnale Jr. in "Catch Me If You Can" - Zitat

Die Analyse

Wir freuen uns hier ja immer über kreative Wege der Charaktereinführung. Das besonders Schöne am ersten Kennenlernen von Frank Abagnale in „Catch Me If You Can“ ist dabei, wie eine scheinbare Drehbuch-Todsünde zu einer cleveren Charakterpräsentation umgemünzt wird. Denn das eine Stimme aus dem Off uns einfach die wichtigsten Eckdaten zu einer Figur aufsagt, klingt ja eigentlich ziemlich einfallslos. Aber die Art und Weise wie das hier umgesetzt wird, macht nicht nur Spaß, sondern passt auch noch perfekt zu Figur und Film. Alles eben eine Sache der Umsetzung.

Das Setting macht hier dabei den Unterschied. Das der echte Frank Abagnale damals an dieser Quiz-Show teilnahm, war natürlich eine wundervolle Vorlage für Drehbuchautor Jeff Nathanson. Die man aber auch erst einmal nutzen muss. „To Tell the Truth“ – was könnte besser zur Geschichte eines Hochstaplers passen. So wie die Raterunde werden ja auch wir als Zuschauer uns die nächsten zwei Stunden mit einer Figur auseinandersetzen müssen, die das Lügen zu ihrem Beruf gemacht hat.

Frank Abagnale Jr. in "Catch Me If You Can"
Die Bühne steht bereit. Wird Frank die Wahrheit sagen? (Foto: ©Paramount Pictures)

Ein Mann der Superlative
Die Einführung von Frank Abagnale verfolgt dabei geschickt mehre Ziele. Sie will Neugier erzeugen, die richtige Grundstimmung für den Film aufbauen und uns ein paar wichtige Grundinformationen zur Figur liefern. Das mit der Neugier erledigt der Film gleich mit den ersten beiden Sätzen. Der Moderator kündigt an, dass wir nun den größten Hochstapler treffen werden, den die Sendung je gesehen hat. Und wie die Bild-Zeitung bestätigen wird: Superlative kommen beim Publikum immer gut an.

Superlative bezüglich ihrer Hauptfigur hat die Einführungsszene aber noch weitere zu bieten. Reißerisch wird später verkündet, dass Frank sich mit falschen Schecks vier Millionen Dollar in über 26 Ländern und 50 US-Staaten erschlichen hat. Und als ob das noch nicht genug ist wird vom Sprecher der Show noch hinzugefügt, dass Frank dies alles gelang bevor er seinen 19ten Geburtstag feierte. Eins ist nach dieser Einführung klar: Unser Protagonist ist nun wirklich kein alltäglicher Erdenbürger.

Frank Abagnale Jr. in "Catch Me If You Can"
Ja, wer ist denn nun meine Hauptfigur? Drei Franks betreten die Bühne. (Foto: ©Paramount Pictures)

Das perfekte Setting
Das uns Frank Abagnale als Erstes ausgerechnet in einer TV-Unterhaltungsshow präsentiert wird hat aber auch einen besonderen Grund. Es setzt die Grundstimmung für einen Film, der uns vor allem eines bieten möchte: leichtfüßiges Entertainment. Kein großes Drama sondern vor allem einen Film, der dem Publikum ein Lächeln auf die Lippen zaubern möchte. Und was passt da besser, als eine schmissig-fröhliche 70er Jahre TV-Show. Die Art der Figureneinführung hängt eben immer auch mit an der prinzipiellen Grundausrichtung der Story und der Stimmung, in die man das Publikum versetzen möchte.

Das ganze Setting unterstützt dabei aber natürlich auch die Charakterzeichnung. Das unsere Hauptfigur ein Hochstapler ist passt natürlich perfekt zu einer Show, in der ein Rateteam aus drei Kandidaten die zwei aussortieren muss, die sich für jemanden anderen ausgeben. Die ganze Show dreht sich um Schwindel und die Suche nach der Wahrheit, womit wir den perfekten symbolischen Unterbau für die Figureneinführung eines Frank Abagnale serviert bekommen.

Frank Abagnale Jr. in "Catch Me If You Can"
Mein Name is Frank Abagnale. Behaupten die anderen zwei Jungs leider auch. (Foto: ©Paramount Pictures)

Einer unter vielen
Es ist dabei spannend zu sehen, dass die Einführung den wahren Frank Abagnale nicht wirklich besonders hervorhebt. Wenn sich die drei Herren vorstellen bleibt die Kamera sogar fast am kürzesten auf Leonardo diCaprio und seinem echten Frank. Alleine die Starpower des Schauspielers gibt uns hier zu verstehen, wer denn nun wirklich die Person ist, mit der wir uns identifizieren sollen. Generell ist es natürlich interessant zu bedenken, dass Filme mit weniger bekannten Hauptdarstellern eine Einführung manchmal auch etwas anders angehen müssen, da das Publikum den zentralen Protagonisten etwas schwieriger identifizieren kann. Aber das Thema heben wir uns einmal für einen anderen Artikel auf.

Zurück zu „Catch Me If You Can“. Es stellt sich natürlich die Frage, ob das denn wirklich so eine clevere Idee ist, dass der Film uns die wichtigsten Eckdaten der Story und unserer Figur schon im Vorfeld verrät. Wir erfahren ja nicht nur Details über alle von Franks Betrügereien (als Pilot, Arzt und Anwalt) und wieviel Geld er insgesamt erbeutet hat. Sondern wir bekommen auch noch verraten, dass Frank am Ende geschnappt wurde. Killt das nicht die Spannung eines jeden Filmes?

Frank Abagnale Jr. in "Catch Me If You Can"
Bitte nur die Wahrheit sagen. Unser Rateteam befragt die Gäste. (Foto: ©Paramount Pictures)

Die richtige Frage
Hier kommen wir dann zu einer Grundsatzfrage, die sich jeder Film bei der Charaktereinführung stellen muss. Was ist denn nun genau die Essenz des Filmes und warum schauen die Zuschauer diesen an? „Catch Me If You Can“ ist einer dieser Filme, bei der weniger Überraschungsmomente sondern mehr das „Wie“ wichtig ist. Die Charaktereinführung von Frank hätte natürlich anders ausgesehen, wenn der Film sich auf die Frage ob Frank jetzt geschnappt wird oder nicht fokussiert hätte. Der Reiz liegt hier aber eher in der Frage, wie zum Teufel so ein junger Bursche denn überhaupt das alles hat anstellen können.

Da der Film den Fokus auf diese Frage setzt und das Publikum eher mit Charme als mit überraschenden Wendungen verblüffen will, macht die detailreiche Schilderung von Franks Erfolgen natürlich Sinn. Dadurch, dass all die Erfolge von Frank beim Namen genannt werden rückt für den Zuschauer die Frage „Wie hat er das bloß angestellt?“ erst so richtig in den Mittelpunkt. Und genau dort spielt der Film dann später seine Stärken aus.

Frank Abagnale Jr. in "Catch Me If You Can"
Der echte Frank beantwortet seine Frage ohne mit der Wimper zu zucken. (Foto: ©Paramount Pictures)

Eine unbeschriebene Persönlichkeit
Damit solch ein Intro aber nicht zu plump wirkt nutzt der Film das unterhaltsame Setting der 70er Jahre Show um das Publikum, trotz der Aufzählung so vieler Fakten, bei Laune zu halten. Da kann man es sich dann sogar leisten, den echten Frank kaum zu Wort kommen zu lassen. Über die Persönlichkeit von Frank verrät man uns hier, abgesehen von seinen Hochstaplertalenten, nämlich mal so gar nichts. Die Raterunde stellt erst dem falschen Frank eine Frage, dessen Antwort bezüglich seinen Motiven aber genauso erfunden sein könnte. Der echte Frank wird lediglich für die Überleitung zu dessen Gegenspieler Carl Hanratty genutzt. Frank nennt kurz den Namen seines „Erzfeindes“ und schon ist seine Einführungsszene zu Ende.

Während uns also auf der einen Seite unglaublich viel über die Geschichte der Hauptfigur verraten wird, bleibt deren Persönlichkeit für den Zuschauer eher ein unbeschriebenes Blatt. Die Einführung verwirrt den Zuschauer diesbezüglich sogar eher, in dem sie uns einfach mal drei Franks serviert und einen falschen Frank eine Frage zu dessen Persönlichkeit beantworten läßt. So gelingt „Catch Me If You Can“ eine elegante Gratwanderung, bei der unser Zuschauer genug Informationen bekommt, um die richtigen Fragen zu stellen, während die Figur gleichzeitig mysteriös genug bleibt, damit ja noch nicht richtigen Antworten geliefert werden. Gleichzeitig setzt man, dank einem perfekt gewählten Umfeld, bereits die richtige Grundstimmung für die nun beginnende Geschichte. Also Frank, tell us the truth…

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