Serie

Claire Randall – Outlander

Welchem Zweck dienten wohl diese komischen Steinkreise in Schottland? Unsere heutige Protagonistin kennt die Antwort. Braucht für eine Zeitreise keinen DeLorean: Claire Randall.

Outlander (2014 – ) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Ronald D. Moore
Nach ihrem blutigen Fronteinsatz als Krankenschwester nutzt Claire Randall (Caitriona Balfe) das Kriegsende 1945 um in Schottland ihre Flitterwochen zu genießen. Weniger das Wetter, sondern schon eher ein mystischer Steinkreis trübt dort ihre Stimmung. Der transportiert Claire nämlich in das Jahr 1743. Dafür hatte sie nun aber wirklich nicht gepackt und so muss sich Claire durch eine Welt schlagen, die ihr bisher nur aus Geschichtsbüchern vertraut war.

Die Einführung von Claire Randall

Wir sehen die mystische Berglandschaft Schottlands. Die Stimme von Claire Randall setzt ein. Ständig verschwinden Menschen auf dieser Welt, erzählt sie uns. Viele werden wieder gefunden. Und eigentlich gibt es für das Verschwinden auch immer eine Erklärung. Normalerweise. Wir sehen Claire nun vor dem Schaufenster eines kleinen Ladengeschäfts verharren. Ihr Blick fällt auf eine Vase im Fenster. Im Off berichtet sie uns, dass dieser Moment sich stark in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Der Moment, in dem sie realisierte noch nie eine eigene Vase gehabt zu haben. Weil sie nie lange genug an einem festen Ort gelebt hat. In diesem Augenblick aber wünschte sie sich nichts so sehnlichst wie eine eigene Vase.

Ihre Gedanken schweifen ab. Claire muss an den Krieg denken. Wir sehen sie an der Front, wie sie in einem Feldlazarett als Krankenschwester eine blutige Operation durchführt. Ein Arzt übernimmt und Claire kann kurz durchatmen, bevor auch schon Jubel ausbricht und eine Kollegin ihr die frohe Botschaft überbringt: Der Krieg ist vorbei. Ein Flasche Sekt gibts obendrauf. Davon gönnt sich Claire auch einen großen Schluck, aber abseits der feiernden Menge. Die Gedanken kehren zur Vase im Schaufenster zurück. Claire wundert sich, dass der Anblick der Vase heute für sie viel präsenter ist als diese Erinnerung an das Kriegsende. Was wohl passiert wäre, wenn sie diese Vase damals gekauft und ihr ein Zuhause gegeben hätte? Wäre sie vielleicht glücklicher geworden? Claire ist sich sicher: So schlimm auch alles war was danach kam, sie würde heute die gleiche Entscheidung wie damals treffen.

Claire Randall in "Outlander" - Zitat

Die Analyse:

Zuhause ist es doch immer am Schönsten. Was aber, wenn man keinen Heimathafen zum Anlegen hat? Die Frage nach dem Ort, an den man hingehört, bildet das Herz der Serie „Outlander“. Und wie bei vielen Einführungen, wird dieses zentrale Element der Geschichte gleich direkt in der Einführungsszene aufgegriffen. Und zwar auf eine poetische Art und Weise, mit der gleichzeitig auch die Neugier des Zuschauers auf die Figur und die Geschichte der Serie geweckt wird.

Los geht es mit einem klassischen Teaser für das Publikum. Im Off philosophiert Claire über Menschen, die einfach so verschwinden, und kündigt mit ihren doppeldeutigen Aussagen dazu ihr eigenes geheimnisvolles Schicksal an. Eine kleine Spannungsspritze, die so schnell wie möglich die Neugier des Publikums wecken will, bevor mit der eher ruhigeren Charakterzeichnung der Hauptfigur begonnen wird.

Claire Randall in "Outlander"
Eine Vase sagt mehr als tausend Worte (Foto: ©Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH).

Die Vase der Entscheidung
Um uns die Figur der Claire näherzubringen entscheidet sich die Serie dabei für ein Gleichnis. Und ein Voice-Over. Was ja im Ruf steht ein eher einfallsloses Stilmittel zu sein, aber bei cleverem Einsatz natürlich auch seine Legitimation besitzt. Hier wird es genutzt um eine fast poetische Stimmung zu etablieren, was gut zur etwas „träumerischen“ Atmosphäre der Serie und der eher weiblichen Zielgruppe passt. Dabei liegt der Fokus vor allem darauf, das große Dilemma der Hauptfigur so früh wie möglich herauszuarbeiten. Und gleichzeitig geschickt Exposition unterbringt und Neugier beim Publikum aufzubaut.

Beim Gleichnis handelt es sich dabei um Claires Sehnsucht nach einer Vase, die sie im Schaufenster eines Laden entdeckt. Claires Voice-Over macht deutlich, dass die Vase dabei für ihre Sehnsucht nach einem festen Ort zum Leben steht – etwas, dass sie bis dato nicht wirklich hatte. Die perfekte Einführung einer Frau, deren großes Dilemma später daraus bestehen wird, dass sie zwischen zwei unterschiedlichen Welten hin- und hergerissen sein wird: Zukunft und Vergangenheit.

Claire Randall in "Outlander"
Symbolhafter Übergang. Eine „farbige“ Hauptfigur und ihre Träume in schwarz-weiß (Foto: ©Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH).

Krieg oder Frieden
Claires Gedanken driften dann ab und sie erinnert sich an das Ende des Krieges sechs Monate zuvor. Der Übergang vom Schaufenster zur Kriegserinnerung ist dabei visuell spannend umgesetzt und trägt weiter zur Charakterzeichnung bei. Der Shot ist in zwei Hälften unterteilt. Auf der rechten Seite sehen wir den Inhalt des Schaufensters in Schwarz-Weiß, während links davon Claire in Farbe zu sehen ist. Der Farbkontrast steht dabei symbolisch für den Konflikt zwischen nostalgischer Vergangenheit und Realität. Sozusagen die Qual der Wahl unserer Hauptfigur und damit der Konflikt zwischen einem ruhigen aber „grauen“ Leben mit festem Wohnsitz oder dem „farbenfreudigen“ Abenteuer für das sich Claire am Ende entscheidet.

Eine kräftige Dosis Realität und Abenteuer gibt es auf jeden Fall in der nun folgenden Kriegssequenz zu sehen. Diese zeigt Claire als erstes als zupackende und toughe Krankenschwester, die selbst im größten Chaos einen schwer verwundeten Soldaten ohne mit der Wimper zu zucken operiert. Größer könnte der Kontrast zur fast poetisch-träumerischen Szene davor nicht ausfallen. So wird der innerer Konflikt der Figur und ihre zwei Leben, schwankend zwischen romantischer Verträumtheit und knallharter Realität, noch einmal weiter verstärkt. Und gleichzeitig etabliert, dass wir hier zwar eine verträumte aber auch starke Persönlichkeit vor uns haben.

Claire Randall in "Outlander"
OP unter erschwerten Umständen. Claire kümmert sich um einen verletzten Soldaten (Foto: ©Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH).

Ein Prosit auf die Einsamkeit
Doch die Kriegssequenz birgt noch mehr interessante Infos über unsere Hauptfigur. Es wird hier nämlich noch einmal betont, dass Claire sich an keinem Ort der Welt wirklich zugehörig fühlt. Während alle anderen im Lazarett die Nachricht des Kriegsendes feiern, trinkt Claire abseits des Rests einsam an ihrer Sektflasche. Unsere Hauptfigur als Fremdkörper – ein Motiv, das sich immer wieder durch die Serie ziehen wird. Claire fehlt eben stets der Heimathafen.

Zurück am Schaufenster betont die Serie nun noch einmal die Bedeutsamkeit des „Vasen-Momentes“ und damit die Gretchenfrage, vor der unsere Figur hier steht. „I saw the life I wanted sitting in a window“ meint Claire mit Blick auf die Vase. Sie philosophiert darüber, was wohl passiert wäre, wenn sie die Vase damals gekauft hätte (ergo sich für ein beschauliches Leben entschieden hätte). Und dass sie, trotz all dem Leid das folgen würde, damals die richtige Entscheidung traf.

Claire Randall in "Outlander"
Allein, allein. Claire ist nicht nach feiern zumute (Foto: ©Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH).

Vorsicht beim Einkauf
Mit dem Ende dieser Sequenz schließt die Einführung von Claire geschickt den Kreis, den sie selbst begonnen hatte. So wird nicht nur klargestellt, wie sich Claire damals entschieden hat (gegen die Vase und für das Abenteuer). Sondern es wird auch noch einmal kräftig die zentrale Story angeteasert. „After all the pain and death and heartbreak that followed“ ist eine ganz schön drastische Beschreibung der Ereignisse, die das Publikum noch erwarten werden. Dranbleiben, will uns das Voice-Over von Claire hier sagen, denn jetzt geht es erst richtig los.

Gleichzeitig wird durch dieses „Vasen-Gleichnis“ aber eben auch eindrücklich der innere Konflikt der Figur aufgezeigt. Und durch diesen intensiven Blick in das Innenleben von Claire kann man sich so im weiteren Verlauf der Story viel besser mit ihr identifizieren. Das Wissen darum, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen ist und welche Bedeutsamkeit dieser Moment für sie hatte, wird die spätere Leidensgeschichte natürlich umso ergreifender wirken lassen. Sie war ja schließlich kurz davor einen anderen Weg einzuschlagen. So nutzt „Outlander“ direkt den ersten Kontakt mit dem Publikum, um die Essenz der Figur und das Drama der ganzen Geschichte auf den Punkt zu bringen. Und alles mit der Hilfe einer kleinen Vase. Vielleicht sollte man das beim nächsten Kaufhausbesuch ja mal bedenken…

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