Film

Der Tramp – Der Vagabund und das Kind

Mit Stock, Charme und Melone läßt es sich trotz Armut gut leben. Aber kann man so auch ein Kind finanzieren? Hat dafür das Herz am rechten Fleck: Charlie Chaplins berühmter Tramp.

Der Vagabund und das Kind (1921) – Die Story

Drehbuch: Charlie Chaplin
Ein armer Landstreicher (Charlie Chaplin) findet eines Tages ein von seiner Mutter ausgesetztes Kind. Erste Versuche, den kleinen Racker an jemanden kompetenteren abzugeben scheitern kläglich und schließlich entscheidet unser „Tramp“ sich dem Jungen anzunehmen. Während unser Tramp seine Vaterrolle mit viel Leidenschaft und Kreativität ausfüllt, kommen der Mutter des Kindes aber erste Gewissensbisse.

 

Die Einführung des Tramp

Bei seiner täglichen Morgenroutine läuft unser Tramp gut gelaunt, Zigarre rauchend und Gehstock schwingend durch die Hinterhöfe einer Großstadt. Wo er zu seinem Erstaunen ein ausgesetztes Baby entdeckt. Als eine rustikale Dame mit Kinderwagen vorbeikommt nimmt unser Tramp fälschlicherweise an, dass diese das Kind wohl verloren haben muss. Hat sie aber nicht und ist erzürnt, als der Tramp das Kind einfach so in ihren Wagen legt. Also wieder an den alten Platz mit dem Racker und schnell weg. Doch diesen Plan macht ein skeptisch dreinblickender Polizist zunichte.

So entscheidet sich der Tramp, das Kind einfach einem alten Herrn unterzujubeln. Das scheint auch zu klappen, nur leider „entsorgt“ dieser Herr das Kind ebenfalls wieder in dem Kinderwagen der rustikalen Dame. Als der Tramp an dieser vorbeigeht wird er abermals von dieser verdächtigt, ihr ein zweites Kind unterjubeln zu wollen. Da auch der Polizist durch den ganzen Trubel alarmiert ist, entscheidet sich unser Tramp dafür, dass Kind doch wieder an sich zu nehmen. Dabei entdeckt er einen Zettel in der Kleidung des Babys, mit der Bitte sich doch um dieses liebevoll zu kümmern. Befehl ist Befehl und so geht der Tramp lächelnd mit dem Kind zurück in seine kleine und bescheidene Wohnung.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind" - Zitat

Die Analyse

Wir müssen schon korrekt sein: „Der Vagabund und das Kind“ ist natürlich nicht der erste Auftritt des legendären kleinen Tramp. Den gab es in diesem Kurzfilm. Wobei auch das nur zur Hälfte korrekt ist. Das erste Mal gespielt hat Chaplin die Rolle eigentlich in diesem Kurzfilm. Der wurde nur etwas später veröffentlicht. Ja, es ist manchmal etwas kompliziert mit dem ersten Auftritt einer Figur. Im Falle des kleinen Tramp nehmen wir aber dessen ersten Auftritt in einem Langfilm unter die Lupe. Denn so richtig ausgereift war die Figur erst in dieser wundervoll-bezaubernden Tragikomödie.

Bei der unser guter Tramp übrigens eine fast königliche Einführung erfährt. Mit der Titeleinblendung „His morning promenade“ werden gleich erste Erwartungen beim Publikum an die Figur geschürt. Die dann direkt konterkariert werden. Statt eines feinen Herrn auf einer edlen Strandpromenade sehen wir nämlich einen Landstreicher (den Tramp) der die Hinterhöfe einer Großstadt durchwandert. Und sich auch vom Müll, der aus Fenstern über ihn gekippt wird, nicht aus der Ruhe bringen lässt. Ja, unser Tramp zelebriert seine ganz eigene Art der feinen Morgenroutine.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind"
Große Ereignisse werfen ihren Titel voraus (Foto: ©STUDIOCANAL).

Des Kaisers alte Kleider
Ein armer Schlucker, der sich auf sympathische Weise aber seinen Stolz erhalten hat – das ist die Botschaft, die hier am Anfang transportiert wird. Elegant weicht der Tramp dem von oben auf ihn geworfenen Müll aus und verliert, selbst als er später von Müll getroffen wird, nur kurz die Fassung. Kurz den Staub abwischen und weiter gehts. Die Einführung legt ziemlich viel Wert darauf, diese unverwüstliche Attitude des kleinen Mannes zu betonen.

Ausgebeulte Hose, übergroße Schuhe, staubig-schwarze Melone – es ist auch der Zustand der Kleidung der hier einiges über das Innenleben der Figur verrät. Dieser Mann versucht mit einfachen Mitteln, also dem was ihm zur Verfügung steht, den Look eines feinen Herren zu imitieren. Warum? Offensichtlich, um so ein gewisses Lebensgefühl auszudrücken und das eigene Selbstbewusstsein, trotz finanzieller Armut, hochzuhalten. Dieser Charakterzug wird durch viele weitere kleine Details verstärkt.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind"
Nicht gerade die Croisette, aber läßt sich trotzdem gut flanieren (Foto: ©STUDIOCANAL).

Clown erster Klasse
So schwingt der Tramp elegant den Gehstock, obwohl er sich in einer alles anderen als feinen Gegend befindet. Er raucht genüsslich Zigaretten, bei denen sich später herausstellt, dass sie aus einer Sammlung alter Stumpen stammen, die er am Wegesrand aufgesammelt hat. Und seine Handschuhe wirken auf die Entfernung zwar elegant, entpuppen sich aber bei genauerem Hinsehen als ziemlich löchrig. Diese entsorgt er dann später, da sie bei genauerer Betrachtung nicht mehr seinen „strengen“ Qualitätsrichtlinien gehorchen. Ein feiner kleiner Charaktermoment, der noch einmal zeigt, dass dieser Tramp (trotz des optischen Flickenteppichs) immer noch Wert auf gewisse Mindeststandards in Punkto Erscheinungsbild legt.

Es gibt nur wenige Filmfiguren, die ein derart markantes Äußeres aufweisen. Und noch weniger Figuren, bei denen dieses Äußere dann auch so wundervoll den Charakter der Figur beschreibt. Chaplins Tramp ist ein visuelles Meisterstück der Figurenzeichnung. Der Versuch mit geringen Mitteln möglichst elegant zu wirken wird dabei durch den surrealen Watschelgang der Figur torpediert, welcher dem Tramp zusätzlich etwas Clownhaftes verleiht. Genauso wie die eigenen Schuhe ist die Rolle des feinen Herren dann eben doch eine Nummer zu groß für ihn. Was den Tramp aber nicht davon abhält, diese Rolle mit Inbrunst am Leben zu erhalten.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind"
Rauchen gefährdet die Gesundheit. Aber nicht die Kreativität (Foto: ©STUDIOCANAL).

Ein Charakter wie ein Uhrwerk
Eine Rolle, die dadurch noch überzeugender wird, dass der Tramp seine „Macken“ perfekt einstudiert hat. Man schaue sich nur einmal die Szene an, in welcher der Tramp sich eine Zigarette anzündet. Zigarettendose in die Jackentasche stecken, Stock unter dem Arm einhaken und nach dem Feuerzeug greifen – die Bewegungen laufen wie ein Uhrwerk ab, während der Tramp dabei fast gelangweilt in die Ferne blickt.

Die zentralen Eigenschaften der Figur werden so alleine durch das Äußere und eben diese kleinen markanten Eigenheiten des Tramps herausgearbeitet – ohne, dass dabei ein einziges Wort fällt. Was damals natürlich auch eher schwierig gewesen wäre. Und Chaplin verpasst dem Tramp munter weiter kleine Eigenheiten, die dessen Charakterzüge immer mehr manifestieren. Man nehme nur die ungewöhnliche Art und Weise, wie der Tramp seine Streichhölzer an seinen Schuhen entzündet. Wie ein Clown. Gleichzeitig hat der Tramp die Angewohnheit immer brav seinen Hut zu lupfen, wenn er eine Dame oder eine Autoritätsperson trifft. Wie ein Gentleman. Der Tramp ist das alles. Und noch viel mehr.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind"
Jetzt gibt es Ärger. Diese Dame freut sich nicht über das Extra-Kind (Foto: ©STUDIOCANAL).

Routine ist der Tod
Routine ist aber natürlich der Tod für den Protagonisten eines Unterhaltungsfilms. Und stets nur dazu da, um möglichst spektakulär unterbrochen zu werden. Das erfolgt hier durch den Auftritt des kleinen Babys, der nun die eigentliche Story in Gang setzt. Was folgt ist eine wundervolle Slapstick-Sequenz, die neben dem Humor auch die Charakterzeichnung noch weiter vorantreibt. Um am Ende dann die für den Publikumserfolg der Figur wohl wichtigste Eigenschaft des kleinen Tramp herauszuarbeiten: sein großes Herz.

Erst einmal wehrt sich die Figur aber, ganz klassisch, gegen den Ruf zum Abenteuer. Entscheidend ist dabei aber die Art und Weise, wie der Tramp versucht das Baby loszuwerden. Stets freundlich und höflich versucht er das Baby an andere Personen abzugeben, wodurch der Charakter nicht Gefahr läuft seine Sympathie zu verspielen. Ebenfalls wichtig für das Ansehen der Figur ist auch ihr Respekt vor Autoritäten. Oder die Angst davor.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind"
Ertappt. War wohl doch nicht das Kind der Dame (Foto: ©STUDIOCANAL).

Die Macht des Handkusses
Am schönsten zelebriert dies Chaplin mit den Aufeinandertreffen des Tramps auf den Polizisten. Sobald der Tramp diesen erblickt wird entweder auf den „gesetzeskonformen Modus“ umgeschaltet oder direkt, um Ärger zu vermeiden, lieber das Weite gesucht. Brillant wie Chaplin auch diese Momente in Sachen Timing spielt – sein Tramp reagiert so überzogen schnell auf den Anblick des Gesetzes, dass man sich ein Lächeln einfach nicht verkneifen kann. Aber diese Momente sind nicht nur humorvoll sondern unterstützen auch den Charakteraufbau. Das der Tramp keinen Ärger mit dem Gesetz will erzeugt automatisch eine gewisse Sympathie beim Publikum. Denn es zeigt, dass der moralische Kompass der Figur prinzipiell intakt ist.

Dieser moralische Kompass wird auch in der für die Figur wohl kritischsten Szene auf Kurs gehalten. Als der Tramp sich entscheidet das Kind wieder an den alten Fundort abzulegen und einfach davonzugehen, droht die Sympathie des Publikums für unseren Vagabunden ernsthaft Minuspunkte zu kassieren. Damit das nicht passiert, nutzt Chaplin clever zwei Wege. Zum einen läßt er den Polizisten direkt auftauchen und diesen Plan sofort zunichte machen – womit das Publikum gar nicht die Zeit hat sich über diese geplante Herzlosigkeit aufzuregen. Zum anderen wirft der Tramp dem kleinen Baby auch noch lächelnd einen Handkuss hinterher. „Das ist ein Guter“ versichert uns so das Drehbuch.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind"
Ertappt Teil zwei. Unser Tramp läßt das Kind doch lieber nicht alleine zurück (Foto: ©STUDIOCANAL).

Die Qual der Wahl
Womit wir dann auf die Zielgerade der Charaktereinführung einbiegen. Am Straßenrand mit dem Baby sitzend steht die Figur vor dem Scheidepunkt. Was tun? Und hier spielt Chaplin wundervoll mit den Emotionen des Publikums, um diese auf seine Seite zu holen. Er bietet uns nun beide möglichen Szenarien an: „Kind herzlos zurücklassen“ versus „Kind liebevoll“ in Obhut nehmen. Und, ganz der Komiker, nutzt er diese Wahl auch noch für einen kleinen Gag.

Als erstes entdeckt der Tramp einen Gullydeckel, den er kurz hochhebt und das Loch darunter betrachtet. Dessen Größe geradezu perfekt für das Baby passen würde. Womit wir bei Szenario eins „Kind herzlos zurücklassen“ wären. Kurzer Blick auf das Kind, kurzer Blick zum Publikum und schnell wieder den Deckel zu. Nein, also so ein Unmensch bin ich ja auch wieder nicht. Gerade vor Publikum. Was den Zuschauer nicht nur zum Schmunzeln sondern auch zum Mitfühlen bringt.

Der Tramp in "Der Vagabund und das Kind"
Clevere Idee. Aber moralisch nicht vertretbar (Foto: ©STUDIOCANAL).

Erkämpfte Zuneigung
Das zweite Szenario wird dann durch einen Zettel getriggert, den der Tramp beim Kind findet. „Please love and care for this orphan child“. Ein Zettel, der alles verändert. Der Tramp blickt das Kind an und seine Augen beginnen zu leuchten. Und mit ihm die des Publikums. Wussten wir doch, dass dieser Kerl ein liebenswürdiger Zeitgenosse ist. Aber genau dadurch, dass sich die Figur diesen Moment erst erkämpfen musste, wird das erst so richtig glaubwürdig. Und der Moment wirklich emotional. Er passt einfach auch perfekt ins Bild. Schon vorher hat der Tramp gezeigt, dass er brav gehorcht wenn eine Obrigkeit auftaucht. Hier wird nun der Zettel zur Obrigkeit. Es ist sozusagen der Befehl von oben, sich nun diesem kleinen Menschen anzunehmen.

Das schöne an der Szene ist dabei, wie der Tramp diesen Zettel gleichzeitig als Befehl und als Geschenk ansieht. Und wie sie der perfekte Abschluss einer turbulenten Einführung ist, die mit einem ganzen Arsenal an wundervollen Macken, optischen Merkmalen und humorvollen Einlagen grandiose Figurenzeichnung betrieben hat. Es gibt nur wenige Einführungen, die so gut verdeutlichen wie man Sympathie für eine Figur weckt. Und, dass ein Protagonist sich diese eben auch erst einmal erarbeiten muss. Und so ziehen wir, 100 Jahre nach dem diese Einführung das erste Mal das Licht der Welt erblickt hat, voller Hochachtung den Hut vor unserem Tramp. Dein Platz im Filmolymp ist auf Ewigkeiten gesichert.

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