Serie

Jack Bauer – 24

Der Zweck heiligt die Mittel. Sagt man. Aber rechtfertigen Zeitdruck und eine sich anbahnende Terrorattacke, dass man sich über Gesetze und Moral hinwegsetzt? Flucht dabei mindestens so oft wie er schießt: Bundesagent Jack Bauer.

24 (2001-2010) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Robert Cochran, Joel Surn
24 Stunden sind nicht viel Zeit, aber mehr bleibt Bundesagent Jack Bauer (Kiefer Sutherland) nicht pro Serienstaffel um ein großes Unglück zu verhindern. Als Mitglied der Anti-Terror-Einheit CTU darf er in Echtzeit Präsidenten schützen, Terroranschläge verhindern, Spione enttarnen und sich nebenher auch noch um die ein oder andere Privatangelegenheit kümmern.

Die Einführung von Jack Bauer

Es ist kurz nach Mitternacht am Tag der kalifornischen Präsidentschaftsvorwahlen. Bundesagent Jack Bauer sitzt beim nächtlichen Schachspiel mit seiner Tochter Kim. Kim ist genervt von ihrer Mutter Teri, doch Jack duldet keine Kritik und schickt die Tochter lieber direkt ins Bett. Um dann mit Teri über die Probleme mit der rebellierenden Tochter zu sprechen. Jacks Lösung: ein gemeinsames klärendes Gespräch mit Kim.

Dumm nur, dass diese inzwischen durch das Fenster ihres Zimmers abgehauen ist. Als Mann der Tat schnappt sich Jack direkt Kims Terminkalender um nach Hinweisen bezüglich deren nächtlichen Ausflugs zu suchen. Und bekommt gleichzeitig einen Anruf von seinem Arbeitgeber, der ihm mitteilt sich doch bitte sofort im Hauptquartier einzufinden. Mit einem weisen Ratschlag für die Suche nach Kim und einem Küsschen verabschiedet sich Jack von Terri. Er nutzt aber den Weg zum Auto, um den Ex-Freund von Kim anzurufen und mit diesem ein kleines Mini-Verhör durchzuführen. Doch der beteuert seine Unschuld und so braust Jack erst einmal los in Richtung Arbeit.

Jack Bauer in "24" - Zitat

Die Analyse:

Es gibt ja Bilder, die einfach zu ausgelutscht in ihrer Symbolik sind. So wie das Schachspiel, bei dem man den Protagonisten gerade ertappt und das verdeutlichen soll, dass es sich hier um einen cleveren Zeitgenossen handelt. In der Einführung von „24“ hält Hauptfigur Jack Bauer dann auch noch parallel dazu eine Zeitung in der Hand – man will wohl wirklich sicher gehen, dass er auch echt als intellektuelles Bürschchen daherkommt.

Ja, es ist schon eine ziemlich klischeebeladene erste Aufnahme der Hauptfigur, für die sich die Serie hier entscheidet. Glücklicherweise ist der Rest aber etwas subtiler. Was auch daran liegt, dass man sich hier dazu entschlossen hat, die zentralen Charaktereigenschaften des Protagonisten anhand von dessen privatem Umfeld einzuführen – und nicht etwa durch eine klassische Action-Sequenz à la James Bond. Geschickt nutzt man aber dieses private Szenario nicht nur dafür, um Jacks weiche Seite zu etablieren um sich so die Sympathie des Publikums für die Figur zu sichern. Nein, man etabliert gleichzeitig auch noch die etwas „härteren“ Charaktereigenschaften dieses durchaus komplexen Helden.

Jack Bauer in "24"
Intellektuelle Abendgestaltung – Jack spielt Schach mit seiner Tochter (Foto: ©Fox TV).

Ein Haus mit Charakter
An dieser Stelle lohnt es sich dann auch noch einmal genauer auf die Faktoren Setting und Props zu blicken. Alleine die Außenaufnahme des Hauses verrät uns schon etwas über die Figur, wirkt es doch wie eine typische amerikanische Vorort-Familienbude. Hier möchte einer privat ein ruhiges Leben führen – ein wichtiger Ausgleich zu dessen ja eigentlich brutalem Beruf. Womit wir auch schon beim entscheidenden Punkt sind: die Einführung möchte uns vor allem, aber nicht nur, die weichen Seiten der Hauptfigur zeigen, damit wir ihre rauen später eher verzeihen können.

Um das Bild vom tumben Brutalo frühzeitig zu konterkarieren, etabliert man Jack also schnell als kultivierten Jungen. Nicht nur durch das Schachspiel und die Zeitung, auch ein Blick auf die teilweise offen liegenden Bücher bestätigt das. Einige Sportlerpokale deuten aber auch bereits an, dass Kultur und Fitness (die später ja auch entscheidend wird) in diesem Fall Hand in Hand gehen. So wird also bereits durch die Einrichtung des Hauses und die Interaktion von Jack mit diversen Gegenständen (Schach und Zeitung) erster vorsichtiger Charakteraufbau betrieben.

Jack Bauer in "24"
Family first – Jack als einfühlsamer Familienvater (Foto: ©Fox TV).

Entschlossene Liebe
Im Dialog mit der Tochter und später zwischen Jack und seiner Frau erfahren wir dann etwas Hintergrundwissen zu der etwas brüchigen Dreierbeziehung zwischen Vater, Mutter und Tochter. Interessanter ist aber wie sich Jack in diesen Gesprächen verhält. Auf der einen Seite sehen wir seine einfühlsame Art, mit der er nicht nur seiner Frau, sondern vor allem auch dem Publikum signalisiert, dass er ein guter Familienvater sein möchte. Auf der anderen Seite wird hier bereits deutlich, dass dieser Mann klare Kante zeigen und schnelle Entscheidungen treffen kann.

Als Kim Jack provoziert wird diese direkt von ihm ins Bett geschickt. Und als seine Frau Terri sich dann über die Situation aufregt schreitet Jack umgehend zur Tat und schlägt eine Aussprache vor. Kaum ist das Problem erkannt wird schnell gehandelt – eine der markantesten Eigenschaften dieser Figur. Eigenschaften, welche die Figur später vor allem im beruflichen Kontext auszeichnen und die hier schon einmal clever präsentiert werden.

Jack Bauer in "24"
Multitasking gehört zur Grundfertigkeit von Terroristenjägern (Foto: ©Fox TV).

Private Berufung
Zum klärenden Gespräch mit der Tochter kommt es aber nicht, da die gute Kim abgehauen ist. Ein durchaus cleverer Storyeinfall, da man hier nun natürlich gewisse Parallelen zur Terroristenjagd ziehen kann. Und so durchsucht Jack auch als erstes das Zimmer nach Hinweisen und schnappt sich gleich Kims Adressbuch. Terrorist oder Tochter, egal, hier wird gleich ermittelt. Als ob Jack eben auch hier auf der Arbeit wäre. Apropos Arbeit, der parallel einkommende Anruf von der Arbeitsstätte hält Jack nicht davon ab weiter fleissig im Adressbuch zu blättern – dieser Mann ist multitaskingfähig. Auch solche Szenen wird es im beruflichen Kontext später immer wieder geben.

So wird hier bereits die Grundlage dafür gelegt, warum dieser Jack so ein erfolgreicher Terroristenjäger ist. Aber ebenfalls wichtig: Jack möchte den Anruf von der Arbeit erst abwimmeln. Er sagt erst zu ins Geschäft zu kommen, als die Dringlichkeit des Anrufs deutlich wird. Die damit verbundene Botschaft für den Zuschauer: Jack ist die Familie eigentlich wichtiger als die Arbeit. Was natürlich wichtige Punkte auf der Sympathieskala bringt. Die kann dieser Mann auch durchaus gebrauchen, wenn er später zu Folter und anderen fragwürdigen Methoden bei der Terroristenhatz zurückgreift. Aber auch hier sehen wir wieder zwei Seiten von Jack. Denn gleichzeitig wird auch die Dominanz und Entschlossenheit der Figur noch einmal hervorgehoben. Denn Jack beschreibt Terri gleich darauf in eindringlichen Worten wie sie dieses private Problem später lösen werden. Und Terri kann nur nicken – zu dominant und entschlossen wirkt der eigene Ehemann in diesem Moment.

Jack Bauer in "24"
Da möchte man kein Ex-Freund von der Tochter sein. Jack ist auch im Splitscreen bedrohlich (Foto: ©Fox TV).

Erst Zuckerbrot, dann Folter
Jack ist also ein Problemlöser, der nicht lange fackelt. Das wird auch auf dem Weg von Jack zum Auto deutlich. Den nutzt Jack nämlich gleich noch für einen Kontrollanruf bei Kims Ex-Freund. Der so harsch ausfällt, dass man fast das Gefühl hat, dass Jack in Gedanken schon bei der Terroristenjagd ist. Jack verhört diesen und macht ihm auch deutlich, dass dieser mit Kim nichts mehr zu tun haben soll. Und Kims Ex versichert umgehend, dass er sich Jacks Befehl doch niemals widersetzen würde. Das deutet an, dass der gute Junge bereits so seine Erfahrungen mit Jack gemacht hat. So reicht es hier schon nur eine kleine Hintergrundgeschichte (Jack hat den Ex-Freund der Tochter vor Dummheiten gewarnt) anzudeuten, um eine der zentralen Charaktereigenschaften der Hauptfigur (meiner Entschlossenheit kommt man lieber nicht in die Quere) weiter zu verstärken.

Nein, mit diesem Jack möchte man sich wohl lieber nicht anlegen. Die Einführung von Jack Bauer gibt sich aber Mühe, die Entschlossenheit der Hauptfigur zwar zu etablieren aber nicht zu unsympathisch erscheinen zu lassen. So ist es also durchaus eine clevere Entscheidung, dass wir Jack erst einmal in dessen privatem Umfeld erleben und durch dessen Rolle als besorgter Familienvater die nötige emotionale Bindung aufbauen. So ausgerüstet sind wir dann auch bereit mit diesem auf Verbrecherjagd zu gehen und der ein oder anderen Folter zuzuschauen. Ist doch eigentlich ein Guter, dieser Jack.

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