Film

Gordon Gekko – Wall Street

Geld schläft nicht gerne. Moral dagegen schon eher. Misst seinen finanziellen Erfolg genauso oft wie seinen Blutdruck: Gorden Gekko.

Wall Street (1987) – Die Story

Drehbuch: Stanley Weiser, Oliver Stone
Der aufstrebende Börsenmakler Bud Fox (Charlie Sheen) möchte endlich raus aus dem Hamsterrad. Die Gesellschaft von Heuschrecken scheint verlockender und so möchte Bud liebend gerne vom dubiosen Finanzhai Gorden Gekko (Michael Douglas) das richtige Handwerkszeug dazu lernen. Das dieser bei seinen Geschäften auf Moral pfeift und Bud zur illegalen Betriebsspionage verführt läßt den steilen Aufstieg von Bud aber schon bald zum moralischen Horrortrip werden.

 

Die Einführung von Gordon Gekko

Immer wieder probiert Bud sich von der Sekretärin Gorden Gekkos zu diesem telefonisch durchstellen zu lassen – vergeblich. An Gekkos Geburtstag nimmt Bud aber sein Herz in die Hand und sucht dessen Büro, ausgerüstet mit edlen Zigarren, persönlich auf. Nach einer kleinen Wartezeit wird er auch tatsächlich eingelassen und darf versuchen mit seinem Wissen über Aktien zu glänzen. Während Gekko parallel dazu Business-Deals einfädelt und seinen Blutdruck misst. Und wehe Bud bringt diesen zum steigen.

Der erste Aktientipp von Bud läßt Gordon aber unbeeindruckt. Ganz im Gegensatz zu einem einkommenden Anruf über einen geplatzten Deal, für den Gekko blutige Rache schwört. Bud kann derweil auch mit seinem nächsten Kaufvorschlag nicht punkten. Erst als Bud Insider-Infos über eine Fluglinie andeutet (die er davor kurz von seinem Vater erhalten hat) wird Gekkos Interesse geweckt. Der große Gekko fragt tatsächlich nach Buds Visitenkarte. Fügt aber umgehend hinzu, dass er nur jedes hundertste Kooperationsangebot überhaupt annimmt. Etwas desillusioniert verläßt Bud das Büro, während Gekko sich wieder leidenschaftlich dem knallharten Business widmet.

Gordon Gekko in „Wall Street“ - Zitat

Die Analyse

Ab und zu gelingt es Filmen sogenannte „Large than Life“-Charaktere zu erschaffen, die sich für Jahre in das kollektive Gedächtnis der Menschen brennen. Gorden Gekko, der skrupellose Finanz-Hai aus „Wall Street“, ist so eine Figur. Die perfekte Fleischwerdung des gierigen 80er-Jahre-Kapitalismus, die zu einer der faszinierendsten Figuren dieses Kinojahrzehnts wurde. Regisseur und Co-Autor Oliver Stone dürfte sich des Kult-Potentials dieser Figur dabei durchaus bewusst gewesen sein und es ist spannend zu sehen, mit welcher Hingabe Gekko bereits in seiner Einführungsszene dramatisch überhöht und somit die Grundlage für dessen „Erfolg“ beim Publikum gelegt wird.

Gleichzeitig ist die Einführung auch eine Ansammlung der beliebtesten Stilmittel der Charaktereinführung und so wieder mal ein schönes Musterbeispiel dafür, wie man möglichst eindrücklich den Charakter einer Figur an den Mann (oder Frau) bringt. Auch wenn man sagen muss, dass es der Film schon fast wieder ein bisschen übertreibt.

Gordon Gekko in „Wall Street“
Beim 50ten Mal klappts vielleicht. Bud versucht Gekko zu erreichen. (Foto: ©20th Century Fox).

Guru ohne Skrupel
Los geht es mit einer passiven Einführung von Gekko. Will heißen, die Figur wird ohne ihre Anwesenheit von anderen Figuren angeteasert. In diesem Fall sind es Bud und sein Kollege, die an ihrem Arbeitsplatz über Gekko sprechen. Und ihn im wesentlichen schon einmal perfekt zusammenfassen: Gekko ist ein Finanzgenie ohne ethische Grundausbildung. Dabei teilt der Film die Vermittlung dieser Botschaften gerecht auf. Bud läßt man von Gekko schwärmen. So ist er beeindruckt davon, dass Gekko, schon bevor er 40 Jahre alt war, seine ersten Millionen gescheffelt hat. Den moralischen Zeigefinger darf dagegen sein Kollege heben. Der weißt daraufhin, dass Gekko schon 30 Sekunden nach der Explosion der Challenger mit NASA-Aktien spekulierte und definitiv bei der Geburt das Gewissen entfernt bekommen habe.

Die Richtung für den Charakter ist klar und nun geht es Stück für Stück weiter mit der Überhöhung. Die Tatsache, dass Bud zum wiederholten Mal versucht Gekko telefonisch zu erreichen, aber wiedereinmal an dessen Sekretärin scheitert, zementiert noch einmal schön die Machtverhältnisse und den Status von Gekko. Gekko, so unterstreicht die Sekretärin, arbeitet nur mit den großen Fischen. Der Unterschied in Sachen Status wird aber auch, deutlich subtiler, auf einer visuellen Ebene transportiert. Während Bud in einem lauten, chaotischen und wuseligen Großraumbüro sitzt, sehen wir die Sekretärin in genauso ruhiger wie eleganter Umgebung. So wird alleine schon durch die Location fleissig weiter an Gekkos Überhöhung geschraubt.

Gordon Gekko in „Wall Street“
Sorry, nur für große Fische. Gordons Sekretärin ist eine große Hürde (Foto: ©20th Century Fox).

Das Publikum muss draußen bleiben
Das Gekko nicht jeden empfängt bekommt aber nicht nur Bud sondern auch das Publikum an der eigenen Haut zu spüren. Am Ende des Telefonats zwischen Bud und Gekkos Sekretärin folgt die Kamera einigen Bankern, die in das Büro von Gekko eingelassen werden. Für ein paar Sekunden erhaschen wir einen Blick auf Gekko und können einem Auszug aus seinem Telefonat lauschen, in dem dieser über das große Geld spricht. Doch dann ist auch schon Schluss mit dieser kleinen Audienz für das Publikum, denn jemand schließt die Tür vor unserer Nase. Nein, auch das Publikum muss sich gefälligst hintenanstellen.

Ein ziemlich cleverer Einfall, um die Exklusivität Gekkos auf die Spitze zu treiben. Doch der Film nimmt jetzt erst richtig Fahrt auf und deswegen blicken wir hier nun auch noch auf den zweiten, deutliche ausführlicheren Auftritt von Gekko. Am nächsten Tag entscheidet sich Bud nämlich dazu, endlich einmal in den Elfenbeintrum von Gekko vorzudringen. Und das ganze Spiel mit der Überhöhung wird schon fast ins Absurde übertrieben.

Gordon Gekko in „Wall Street“
Ein gefragter Mann. Gordon Gekko erlaubt uns nur einen kurzen Einblick (Foto: ©20th Century Fox).

Ein nervöser Bittsteller
Und wieder muss Gekko zum Anfang gar nicht viel tun, um uns von seiner faszinierenden Persönlichkeit zu überzeugen. Denn als Bud am nächsten Tag entscheidet das Büro aufzusuchen, ist er an Unterwürfigkeit und Nervosität kaum zu überbieten. Bevor er das Gebäude betritt richtet er nervös seine Krawatte, aufgeregt tigert er den Flur auf und ab (schließlich muss er ja wieder warten) und kurz vorm Gespräch blickt er unsicher in den Spiegel und philosophiert laut über diesen so wichtigen Moment in seinem Leben. Ach ja, und teure Zigarren hat er natürlich auch noch extra für Gekko organisiert.

Alleine die Sequenz im Wartezimmer ist die pure Erhöhung von Gekko. Dabei wird das Grundszenario “Bittsteller trifft auf großes Vorbild“ aus allen Rohren mit weiteren Hinweisen auf die Exklusivität und den Charakter von Gekko unterfüttert. Natürlich liebt Gekko nur die edelsten Zigarren. Natürlich gewährt er nur 5 Minuten und natürlich muss Bud erst einmal ewig warten. Und als ob das noch nicht genug ist, hält Bud auch noch (wie ein verliebter Groupie) ein Finanzmagazin mit Gekko auf der Titelseite in seiner Hand. Wohlgemerkt, alles was wir bisher von diesem Mann gesehen haben war ein kleiner Blick durch den Türspalt. All dies hat nur ein Ziel: das wir als Publikum genauso nervös und gespannt diesen Raum betreten wie Bud. Und dank der gnadenlosen Überhöhung Gekkos in diesen ersten Minuten ist das garantiert.

Gordon Gekko in „Wall Street“
Jetzt nicht nervös werden. Zu spät (Foto: ©20th Century Fox).

Charakter ohne Samthandschuhe
All das was nun in Gekkos Büro passiert ist am Ende nur noch ein weiteres Sahnehäubchen auf einen eigentlich schon ziemlich gut etablierten Charakter. Viele vorher verwendete Stilmittel werden hier noch einmal angewendet und viele bereits getroffene Aussagen der Figuren noch einmal eindrücklich bestätigt. Natürlich ist Gekkos Büro fancy eingerichtet und das komplette Gegenteil von Buds Arbeitsumgebung. Natürlich wird Gekko im Gespräch von „wichtigeren“ Anrufen unterbrochen und sieht Bud nicht als ebenbürtigen Sparringspartner. Und natürlich agiert Gekko in seinen Telefonaten skrupellos und wirft auch sonst mit moralisch eher fragwürdigen und harten Aussagen nur so um sich.

„Mittagessen ist für Weicheier“ und “Business ist Business“ ist dabei noch harmlos. Gekko regt sich so über einen Anruf auf, dass er sogar am liebsten Blut fließen sehen möchte. Ach ja, und natürlich auch Kehlen rausreißen und diese in Müllzerkleinerer stecken, wenn man schon dabei ist. Und Gekko ist natürlich gierig nach Insider-Infos und will seine Gegner fertig machen. Ja, über all das plaudert Gekko entweder munter am Telefon oder mit seinen Untergebenen im Büro. Drastischer kann man nicht zeigen, dass diese Figur über Leichen geht und das Wort Samthandschuhe noch nie gehört hat.

Gordon Gekko in „Wall Street“
Gordon Gekko sollte an seinem Aggressionspotential arbeiten (Foto: ©20th Century Fox).

Die Sympathie im Schredder
So lernen wir das meiste über Gekko gar nicht aus dem Gespräch mit Bud, sondern alleine in der Beobachtung von dessen ganz normalem irren Alltag (womit der Zuschauer sich gut mit Bud identifizieren kann, aber der ist ja hier nicht das Thema). Die Art wie Gekko auf sein Umfeld reagiert zeigt uns seinen Charakter. Oder auch wie er nicht reagiert, denn die Nachricht über einen Anruf seiner Frau wird von ihm nicht einmal wahrgenommen. Welche Prioritäten der gute Mann setzt, wird aber auch noch durch zwei sehr symbolhafte Bilder verdeutlicht.

So packt Gekko demonstrativ eine seiner Geburtstagsglückwunschkarten in den Schredder. Getreu dem Motto: Langeweile mich bloß nicht mit Banalitäten und schon gar nicht Sentimentalitäten, Junge. Nichts passt aber besser zu Gekko als das Blutdruckmessgerät, das er zu Beginn des Gesprächs auspackt und anschließt. Die Tatsache, dass er überhaupt den Blutdruck überprüfen muss zeigt was für ein gnadenloser Workaholic er ist. Gleichzeitig philosophiert er auch noch darüber, dass er sich so den Besuch beim Arzt spart (Time is money). Und dann wird dieses Szenario auch noch für den Spannungsaufbau genutzt, da Gekko Bud warnt ihn bloß nicht mit Banalitäten einen zu hohen Blutdruck zu verpassen. Jede Sekunde in der kein Geld gemacht wird droht Gekko in Rage zu bringen und diese Botschaft hämmert der Film uns am Anfang geradezu ins Gedächtnis.

Gordon Gekko in „Wall Street“
Bring mein Blut ja nicht in Wallung. Gordon Gekko setzt auf moderne Technik (Foto: ©20th Century Fox).

Die Stärke der Karikatur
Das ist schon harter Charaktertobak, dem wir hier ausgeliefert sind. Doch das die Figur so extrem charakterisiert wird hat natürlich System. Denn so gerät Bud erst unter den großen Druck, der ihn dazu verführt die Insiderinformationen seines Vaters preiszugeben. Was den eigentlichen Plot des Filmes startet. Zugegeben, ein klein bisschen weniger hätte es auch getan. So driftete der Film schon stark in Richtung Karikatur ab, als Bud am Ende den Raum verläßt und wir ganz im Hintergrund noch sehen wie Gekko, dem Klischee des Workaholic entsprechend, schnell noch für ein Telefonat auf seinen Hometrainer steigt.

Alles ist hier auf Anschlag bezüglich dieser Figur. Das mag manchmal etwas zu viel wirken, doch es stellt sich die Frage, ob nicht erst so viele erinnerungswürdige Figuren erschaffen werden. Und wir müssen auch immer bedenken, dass Gekko hier die Rolle des klaren Bösewichts und nicht der heldenhaften Hauptfigur zukommt. Sympathie und Identifikationspotential wird der Zuschauer für diese Figur nicht empfinden – dafür ist Bud da. Als klarer Antagonist ist es dagegen wichtig die Faszination des Publikums zu erlangen. Und das kann, muss aber nicht, eben durch ein solches überspitztes Porträt eines ruchlosen Charakterschweins erreicht werden. So zeigt „Wall Street“ auf faszinierende Weise, wie man mit dem Fuß auf dem Charaktergaspedal einen packend Antagonisten erschaffen kann.

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