Serie

Dr. Gregory House – Dr. House

Als Patient wünscht man sich einen brillanten Arzt. Allerdings liegen Genie und Wahnsinn oft dicht beieinander. Macht Sherlock Holmes nicht nur in Logik, sondern auch in mangelnder Empathie Konkurrenz: Dr. Gregory House.

Dr. Gregory House (2004 – 2012) – Die Story

Drehbuch Episode 1: David Shore
Eigentlich sollte sich das Princeton-Plainsboro Universitätsklinikum glücklich schätzen. Schließlich steht ein geniales Diagnostik-Team rund um den schillernden Dr. Gregory House (Hugh Laurie) zur Verfügung. Nur leider gibt der eigenwillige Dr. House nicht viel auf Regeln und treibt so die Krankenhausleitung regelmäßig in den Wahnsinn. Das eigene Team übrigens auch. Und die Patienten natürlich sowieso. Klingt eigentlich nach Kündigung. Ist aber nicht so leicht, wenn der gute Doktor selbst die schwierigsten Fälle mit Bravour meistert.

Die Einführung von Dr. Gregory House

Eine junge Lehrerin spricht auf einmal während des Unterrichts nur noch in sinnlosen Wortfetzen. Bevor sie schließlich vor den Kindern zusammenbricht. Wir spulen einen Monat vor. Ihr Zustand hat sich immer noch nicht gebessert. Dr. Wilson bittet deswegen seinen Kollegen Dr. House sich den Fall doch einmal anzuschauen. House regt sich aber lieber darüber auf, dass ihn wegen seiner Krücke alle für einen Patienten halten. Und fügt hinzu, dass eine Patientin, die nicht richtig reden kann, ja eigentlich ein Segen für jeden Arzt sei.

Die Dame ist allerdings auch Dr. Wilsons Cousine. Und so bleibt dieser hartnäckig. Doch House hat aus dem Kopf bereits die genauso ernüchternde wie tödliche Diagnose parat: Gehirntumor. Total langweilig, so House. Dr. Wilson legt aber ein paar handfeste fachliche Argumente gegen diese These vor, doch House wiegelt alle ab. Und schluckt lieber ein paar Schmerztabletten. Doch Wilson gibt nicht auf. Er erinnert House daran, dass dessen überqualifiziertes Team ja doch sowieso gerade nichts zu tun habe. Da ist House dann doch das erste Mal sprachlos.

Dr. Gregory House in "Dr. House" - Zitat

Die Analyse:

In gewisser Weise ist die Einführung von Dr. House genauso, wie diese Figur es sich wohl selbst wünschen würde: man kommt direkt auf den Punkt und langweilt nicht mit unnötigem Smalltalk. Dr. House lebt ja vor allem für seinen Job – allerdings nur wenn dieser auch wirklich herausfordernd ist. So macht es dann also Sinn, dass wir auf House das erst Mal bei dessen Arbeit und nicht etwa in einem privaten Setting treffen. Und, dass man eben hier im Spirit des Charakters gleich direkt zur Sache kommt und nicht lange um den heißen Charakterbrei redet.

Und so sieht das dann in der Praxis aus: Dr. Wilson beschreibt House zu Beginn den rätselhaften Fall der kollabierten jungen Frau, doch entgegen den Erwartungen, die wir an einen einfühlsamen Arzt haben, ignoriert House diese Einladung zur fachlichen Konversation. Und regt sich lieber darüber auf, dass viele im Krankenhaus ihn wegen seinem Krückstock für einen Patienten halten. Was, so sein Kollege, aber natürlich auch daran liegt, dass House keinen Arztkittel trägt. Sondern in zivil herumläuft. House wiederum entgegnet, dass er nicht für einen Arzt gehalten werden möchte, worauf Dr. Wilson einwirft, dass die Verwaltung dies natürlich nicht gerne sieht. Worauf House wiederum das Argument bringt, dass doch niemand einen kranken Arzt sehen möchte.

Dr. Gregory House in "Dr. House"
Wer braucht schon einen weißen Umhang wenn schon die Krücke raussticht. House marschiert durch seine Hood (Foto: Universal Pictures Germany GmbH).

Ping-Pong mit Tiefgang
Ein netter kleiner Ping-Pong-Dialog zu Beginn, der ganz schön viel Charakterinformationen transportiert und so bereits einiges an Grundlagenarbeit für die Figur erledigt. Das House nicht auf den tragischen Fall eingeht, den Wilson ihm schildert, deutet auf wenig Talent für Empathie hin. Das House soviel Wert auf die Wahrnehmung durch Andere legt, läßt wiederum darauf schließen, dass dieser Mann durchaus eitel ist. Wobei er sich aber von Vorgesetzten nicht so einfach Regeln vorschreiben läßt, denn die konträre Meinung der Verwaltung bezüglich seines Outfits scheint ihn ja nicht sonderlich zu jucken.

Seinen Höhepunkt findet dieser erste Teil der Charaktereinführung aber im Anschluß, als Wilson nun noch einmal versucht den Fall der jungen Dame anzusprechen, die mit Wortfindungsstörungen im Krankenbett liegt. Süffisant fällt ihm hier House ins Wort und kommentiert, dass ihm stumme Patienten ja am liebsten sind. Wieder ein Rückschritt auf der Empathieskala. Doch der eigentliche Höhepunkt folgt erst, als Dr. Wilson anhält und House ins Gesicht und ins Gewissen spricht. Und diesem mitteilt, dass diese Dame seine Kusine sei.

Dr. Gregory House in "Dr. House"
Gehirntumor? Langweilig! (Foto: Universal Pictures Germany GmbH).

Farbe bekennen
Dieser Moment ist sehr bedeutsam für die Figur des Dr. House, was auch durch die Inszenierung unterstrichen wird. Bis hierhin haben wir House nur von hinten gesehen – jetzt aber zeigt uns die Kamera zum ersten Mal sein Gesicht. Genau in dem Moment, wo Dr. Wilson ihn richtig zur Rede stellt. Wir bekommen also nicht nur optisch zum ersten Mal das Gesicht von House gezeigt, auch der Charakter muss jetzt endgültig sein wahres Gesicht offenbaren. Ist er wirklich so unempathisch, wie bisher zu vermuten ist?

Durch die Vorbereitung und Inszenierung wird dieser Moment clever überhöht, womit die Antwort um so eindrücklich wirkt. Dr. House kontert nun mit einer Schnelldiagnose und offenbart danach, dass das Drehbuch wohl doch nicht geblufft hat. „Brain tumor. She is gonna die. Boring.“
Nach dieser Aussage könnte man eigentlich auf die Stopptaste drücken, denn jetzt ist schon das Wichtigste über die Figur erzählt. Ja, wir haben es mit einem offensichtlich selbstverliebten und wenig einfühlsamen Arzt zu tun, der nur wenige Infos braucht um seine Diagnosen zu stellen, nicht viel auf Autoritäten gibt und offensichtlich selbst gesundheitlich angeschlagen ist. Alle wichtigen Infos und Eigenschaften zur Figur in knapp 30 Sekunden – das dürfte hier im Blog wohl Rekord sein.

Dr. Gregory House in "Dr. House"
Dr. Wilson versucht es mit Charme. Er gerät an den Falschen (Foto: Universal Pictures Germany GmbH).

Doppelt hält besser
Wiedereinmal fällt uns dabei in Punkto Charaktereinführung auf, dass man sicherheitshalber die wichtigsten Eigenschaften von Figuren zu Beginn gleich mehrfach hervorhebt. Zum Beispiel dadurch, dass Dinge sowohl auf der visuellen als auch der Tonebene transportiert werden. So reicht es nicht, dass Dr. House humpelt, dieser Punkt wird auch noch von der Figur selbst thematisiert. Ebenso die Tatsache, wieso er andere Kleidung trägt als der Rest der Belegschaft. Andere Eigenschaften werden wiederum im Dialog mehrmals betont. Wie eben zum Beispiel Dr. House unempathische Haltung, die gleich mehrmals durchscheint und sich in Sachen Intensität immer weiter steigert.

Noch ist unsere Einführungsszene aber nicht vorbei. Nach der unsensiblen Ferndiagnose holt Dr. Wilson House wieder ein und versucht mit fachlichen Argumenten diesen davon zu überzeugen, dass er falsch liegt und der Fall doch für ihn interessant sein könnte. Ein Grund dafür ist natürlich, dass die Story ja irgendwie in Gang kommen muss. Was schlicht nicht funktioniert, wenn unser Held sich weigert. Aber gleichzeitig verrät dieses Nachhaken von Dr. Wilson auch noch so viel mehr über die Figuren. Und wer genau hinschaut erkennt, dass es House indirekt sogar etwas sympathischer macht.

Dr. Gregory House in "Dr. House"
Jetzt aber hinterher. Dr. House droht Dr. Wilson zu entkommen (Foto: Universal Pictures Germany GmbH).

Überhöhung mit Nachdruck
Aber immer der Reihe nach. Im nun folgenden zweiten Teil des Dialogs erfahren wir ein wenig mehr Hintergrundwissen zur Figur, nämlich das House eigentlich für ein ganz anderes medizinisches Feld zuständig ist. Und uns wird Dr. House fragiler Gesundheitszustand noch einmal ins Gedächtnis gerufen, da dieser sich nebenbei ein paar Schmerzmittel einwirft. Spannender ist aber etwas anderes. Nämlich, dass das Hinterherlaufen von Dr. Wilson unseren Protagonisten erfolgreich überhöht. Obwohl der Fall nicht zum Spezialgebiet von Dr. House gehört, lechzt Kollege Wilson förmlich nach dessen fachlicher Einschätzung.

Die Botschaft an das Publikum: dieser Doktor muss schon extrem clever sein – auch abseits des eigenen Aufgabenfeldes. Das wird dann auch noch dadurch unterstrichen, dass wir von House kleinem Spezialteam erfahren, mit dem dieser anscheinend immer wieder besondere Fälle löst. Ein eigenes Team – der Junge muss es drauf haben. Aber diese Szene wird auch noch auf sehr subtile Weise für etwas viel Wichtigeres genutzt.

Dr. Gregory House in "Dr. House"
House mit fachlicher Expertise zu schlagen ist nicht so einfach. Dr. Wilson probiert es trotzdem (Foto: Universal Pictures Germany GmbH).

Ist doch eigentlich ein Netter
Obwohl House gerade ziemlich respektlos den Gesundheitszustand von Wilsons Kusine kommentiert hat, bleibt dieser seelenruhig und beackert House mit fast jugendlichem Grinsen weiter. Offensichtlich ist Wilson von diesem eigentlich ja unmoralischen Verhalten nicht angewidert. Und scheint es eher als Spleen zu sehen und es seinem Kollegen nicht wirklich krumm zu nehmen. Dadurch wiederum nimmt er aber der negativen Wahrnehmung des Publikums bezüglich House etwas Luft aus den Segeln.

So schlimm kann ja dieser House nicht sein, wenn der sympathische wirkende Wilson wohl gut mit ihm auskommt. Vielleicht steckt in House ja doch ein guter Kerl. So wird das für eine Figur ja so wichtige empathische Band zum Zuschauer hier über den Umweg einer Nebenfigur gespannt. Ein cleverer Schachzug, wodurch der Protagonist weiter viele seiner eigentümlichen Ecken und Kanten behalten darf.

Dr. Gregory House in "Dr. House"
Wenn der kleine Hunger kommt. House gönnt sich ein paar Schmerzmittel (Foto: Universal Pictures Germany GmbH).

Antwort aus der Baker Street
Dr. House bleibt nämlich von all dem ziemlich unbeeindruckt und lästert in der Szene erst mal kräftig weiter. Diesmal über die Unfähigkeit von Labortechnikern. Da stellt sich die Frage, ob man für die Zuneigung des Publikums nicht vielleicht doch etwas mehr braucht. Die Antwort darauf ist etwas komplexer, weswegen wir dafür die Dienste eines besonders cleveren Zeitgenossen benötigen: den guten Sherlock Holmes.

Der stand nämlich für die Figur des Dr. House Pate. Ein brillanter Kopf, der jedes Rätsel knackt, dabei wenig Respekt vor Autoritäten zeigt, einen Mangel an Empathie aufweist und sich mit Opium bei Laune hält. Letzteres wären im Fall von Dr. House die Schmerzmittel. Aber auch Holmes verzeiht man seine Laster und dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Einmal ist da unsere Faszination für die scheinbar übermenschliche Kombinationsgabe. Zum anderen aber auch ganz einfach die Tatsache, dass am Ende diese Fähigkeiten ja für das Gute eingesetzt werden. Nämlich zur Verbrecherjagd.

Dr. Gregory House in "Dr. House"
Vielleicht ist Leben retten ja doch nicht langweilig. House kommt noch mal ins Grübeln (Foto: Universal Pictures Germany GmbH).

Lebensretterbonus
Genau das läßt sich auch über House sagen. Auch hier können wir seine emotionale Abgestumpftheit aus zwei Gründen verzeihen. Zum einen, weil wir gerne so clever wären wie er und wir ihn dafür bewundern. Und zum anderen, weil er am Ende ja damit Leben rettet. Genauso wie Holmes. Ein so simpler wie entscheidender Grund, warum wir Helden auch dunkle Seiten verzeihen, ist das was am Ende rauskommt. Das erklärt dann auch, warum die Serie mit dem Zusammenbruch der jungen Lehrerin startet.

Natürlich, dass hat auch Spannungsgründe. Aber es macht auch die Identifikation mit der Hauptfigur leichter. Wir wollen, dass die Lehrerin gerettet wird und deswegen feuern wir innerlich Dr. House an. Von der ersten Sekunde ab. So sind es am Ende also gleich zwei Figuren, nämlich Dr. Wilson und die Patientin, die indirekt dafür sorgen, dass wir eine emotionale Verbindung zu dieser kühl agierenden Hauptfigur aufbauen. Am Ende sehen wir dann einen nachdenklichen House, der bezüglich des Falls dann doch noch einmal ins Grübeln kommt. Und die Entscheidung treffen wird, die sich das Publikum erhofft. Am Ende sind also alle glücklich. Elementary, my dear Watson.

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