Film

Joe – Für eine Handvoll Dollar

Auch die Italiener können Western. Und schicken Clint Eastwood dafür in die Wüste. Geht selbst bei größter Hitze nie ohne Poncho aus dem Haus: Joe.

Für eine Handvoll Dollar (1964) – Die Story

Drehbuch: Adriano Bolzoni, Mark Lowell, Víctor Andrés Catena, Sergio Leone
Der mexikanische Wüstenort San Miguel wird von zwei rivalisierenden Schmugglerbanden terrorisiert. Was manche abschrecken würde, sieht ein genauso mysteriöser wie auch schussgewandter Reiter (Clint Eastwood) eher als Business-Chance. Und so beginnt der Fremde (der später als Joe bezeichnet wird), die beiden Clans gegeneinander auszuspielen, um sie mit ihren eigenen (blutigen) Waffen zu schlagen.

 

Die Einführung von Joe

Unser einsamer Reiter wird in einer abgelegenen kleinen Siedlung Zeuge wie ein kleiner Junge und dessen Vater von Gaunern misshandelt werden. Unser „Held“ mischt sich aber nicht ein. Nimmt aber sehr wohl Notiz von einer attraktiven jungen Dame, die ihn kurz aus einem Fenster heraus anblickt. Unser mysteriöser Protagonist reitet daraufhin ins nahegelegene Dorf, wo ihm gleich einmal ein toter Mann auf einem Pferd entgegenkommt. Was die Grundstimmung des Ortes schon einmal gut zusammenfasst.

Durch die Dorfbewohner wird er auf den Zwist zweier verfeindeter Banden aufmerksam gemacht. Die Männer von der Baxter-Bande heißen unseren Protagonisten auch gleich einmal mit ein paar Schreckschüssen willkommen. Keine gute Entscheidung. Denn nach einem kurzen Gespräch mit einem ehemaligen Salonbesitzer bietet unser Fremder der anderen Seite (dem Rojo-Clan) seine Dienste an. Um in der Verhandlung den Markwert zu steigern schreitet er aber erst einmal direkt zur Tat und nimmt sich die aufmüpfigen Baxter-Jungs zur Brust. Und gibt, ganz vorausschauend, vorher beim örtlichen Totengräber drei Särge in Auftrag. Leider stellen sich dann aber gleich vier Baxter-Mitglieder in den Weg. Was aber am Ende eher für den Totengräber als den Fremden ein Problem ist.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“ - Zitat

Die Analyse

„The Man with no Name“ – so wird Clint Eastwoods wortkarger Anti-Held aus den Sergio-Leone-Western weitläufig genannt. In seinem ersten Auftritt wird er allerdings sowohl in den Credits als auch von einer weiteren Figur als Joe bezeichnet, deswegen wollen wir hier korrekt sein und unseren mysteriösen Fremden nicht ganz namenlos durch die Wüste ziehen lassen. Was dem Ganzen allerdings nicht wirklich an Faszination raubt, denn es stellt sich ja schon die Frage, wie man als Autor eine Figur einführt, von der man eigentlich nicht wirklich viel verraten will.

Nein, Joe ist nicht gerade für seine reichhaltigen Charakterfacetten bekannt. Oder sein loses Mundwerk. Doch seine Einführung ist deswegen nicht minder interessant und hat sogar noch eine faszinierende kleine historische Anekdote zu bieten. Aber dazu kommen wir erst am Schluß dieses Beitrags. Jetzt schwingen wir uns erst mal aufs Pferd und reiten gemeinsam mit Joe in dessen erstes Abenteuer.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“
Sieht eigentlich ganz friedlich aus. Unser Held reitet zu Beginn in eine Siedlung (Foto: ©LEONINE).

Passive Charaktereinführung
So mysteriös unser Fremder auch sein mag, wir bekommen ihn schon direkt am Anfang präsentiert. Ein klein wenig zögert man noch uns sein Gesicht zu zeigen (eine Mini-Prise Mystifizierung), denn wir sehen Joe erst einmal von hinten wie er auf eine kleine Siedlung zureitet. Und wie er sich an einem dortigen Brunnen ein Schluck Wasser gönnt – wobei wir dann aber auch schon relativ bald dessen komplettes Gesicht enthüllt bekommen. Deutlich zögerlicher ist man aber mit dem Preisgeben dessen Stimme. Von aktiven Handlungen ganz zu schweigen. Was nämlich nun folgt ist wohl eine der passivsten Verhaltensweisen eines Charakters in der Geschichte dieses Blogs.

„Für eine Handvoll Dollar“ arbeitet in seiner Anfangssequenz vor allem mit einem: Blicken. Unser Protagonist beobachtet ganz genau was in dieser Siedlung passiert. Entscheidet sich aber trotz der Ungerechtigkeiten, die sich vor ihm abspielen, nicht einzugreifen. Diese passive Grundhaltung trägt einiges zur Mystifizierung der Figur bei, denn das Publikum wird so natürlich etwas im Unklaren darüber gehalten, wie diese Figur denn nun tickt. Wer genau hinschaut wird in diesen Szenen aber zumindest ein paar kleinere Hinweise diesbezüglich erhalten.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“
Lieber Wasser trinken als Kinder helfen. Unser Held setzt Prioritäten (Foto: ©LEONINE).

Wenn Blicke sprechen können
Was man im Kino alleine durch Blicke transportieren kann und wie sich diese auf das Publikum auswirken ist übrigens in der Filmliteratur schon ausführlich analysiert worden. Beziehungen, Macht und vor allem auch die Objektifizierung von Frauen, das ist alles ein ziemlich spannendes Feld (einfach mal “female gaze cinema“ googeln) was wir hier aber jetzt nicht ausführlich diskutieren werden. Es reicht festzustellen, dass man mit einem einfach Blick schon ziemlich viel ausdrücken kann und dafür ist ein wortkarger Protagonist natürlich die passende Wahl.

Vor allem aber können Blicke auch die Identifizierung mit einer Figur verstärken, da man als Zuschauer das Geschehen sozusagen aus der Sicht der jeweiligen Person beobachtet. Bei einem Protagonisten, der seine Blicke nicht kommentiert und nicht viel handelt hat dies aber noch einen weiteren faszinierenden Effekt. Da das Publikum mit purer Beobachtung konfrontiert ist zieht es oft noch stärker als sonst seine eigenen Schlüsse und projiziert seine Vorstellungen in diese Figur. Das Publikum konstruiert sich also noch stärker als sonst seine eigene Meinung zu diesem Filmcharakter.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“
Böser gehts nicht. Die Schurken quälen ein kleines Kind (Foto: ©LEONINE).

Vertrauensvorschuss für den Helden
Genau das macht diese Eröffnungsszene so interessant. Durch die Augen von Joe sehen wir, wie zwei böse Typen ein Kind und dessen Vater misshandeln. Nun würde man ja erwarten, dass ein guter Held hier einschreitet. Doch Joe macht einfach nichts. So untergräbt man die Erwartungen des Publikums und macht die Figur natürlich um einiges spannender. Doch trotz dieser passiven Haltung stellt sich beim Publikum kein Hass auf Joe ein. Dafür ist das Szenario natürlich auch geschickt gewählt, denn durch die offensichtlich verwerfliche Handlung der Bösewichte muss Joe gar nichts tun, um als zumindest halbwegs normal daherzukommen. Und irgendwie denkt man sich: „Ja gut, die bösen Jungs werden später sicher noch ihr blaues Wunder erleben“.

Das man davon ausgeht, dass Joe innerlich doch ein guter Junge ist und eben verspätet für Gerechtigkeit sorgen wird, wird aber durch diese Figur so gut wie nicht untermauert. Es sind vor allem die Erwartungen an Filmhelden an sich und die eigene Meinung, die sich beim Blick durch Joes Augen hierzu bildet. Und die dann das Publikum diese Schlüsse auf die Figur projizieren lassen. So läßt sich erklären, dass sich eine Figur in einer solchen Situation passiv verhält und trotzdem das Publikum nicht verliert. Nennen wir es einen Vertrauensvorschuss. Gepaart mit einer kleinen Portion Faszination für diesen undurchschaubaren Charakter.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“
Respekt ist wichtig. Joe würdigt einen toten Mann auf einem Pferd (Foto: ©LEONINE).

Kleine Gesten, große Aussagen
Dieser Eindruck wird gut durch die Reaktion der attraktiven Dame widergespiegelt, die durch ein Fenster dem Treiben ebenfalls zusieht und ihren Blick dann in Richtung Joe wendet. Sie fühlt sich spürbar zu ihm hingezogen, knallt dann aber doch das Fenster zu. Ganz nach dem Motto: Bist irgendwie interessant, aber da muss das nächste Mal in Sachen Moral doch bitte mehr kommen. Das dem so sein wird unterfüttert der Film aber zu Beginn nur mit ganz subtilen Hinweisen. Das kleine Lächeln von Joe gegenüber der Frau wäre einer davon, denn es sorgt zumindest für eine kleine Prise Menschlichkeit in dieser Szene.

Genauso subtil geht es dann auch in der nächsten Sequenz weiter, in der Joe in einen kleinen Ort reitet. Dort kommt ihm ein Toter auf einem Pferd entgegen und Joe tippt kurz respektvoll auf seinen Hut, um dem Mann die letzte Ehre zu erweisen. Eine kleine Bewegung mit unglaublich wichtiger Aussagekraft. Schaut, wir verraten euch vielleicht nicht viel über diesen Mann, aber er hat sein Herz am rechten Fleck. Manchmal reichen schon solche kleine Gesten, um das enorm wichtige emotionale Band zwischen Publikum und Protagonist nicht reißen zu lassen.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“
Dieses Begrüßungskommando legt den Job anders aus. Joe zeigt sich unbeeindruckt (Foto: ©LEONINE).

Cool trotz Poncho
Es geht dann auch erst mal extrem passiv weiter. Unser Held reagiert nicht auf den Dorfbewohner, der ihn voll quasselt und nimmt auch wortlos das Schießeisen-Mobbing der Baxter-Bande passiv hin. Um ihn herum passiert dabei jede Menge Exposition rund um dieses korrupte Dorf aber über unsere Hauptfigur erfahren wir nicht viel. Außer, dass sie eine relativ coole Socke ist, die sich durch nichts so wirklich aus der Ruhe bringen läßt. Was sich auch in der souveränen Absteigetechnik von Joe widerspiegelt, als dessen von Schüssen aufgeschreckter Maulesel durchbrennt. Joe schnappt sich einfach einen Balken über seinem Kopf, hält sich dort entspannt fest und grüßt mit einem „Hallo“ relaxt den ihn beobachtenden ehemaligen Saloonbesitzer.

Mit diesem hält Joe dann auch noch ein kleines Schwätzchen, doch auch hier erfahren wir nicht viel mehr über diese Figur. Außer das Joe pleite ist, das Dorf als Business-Chance sieht und dabei sehr strategisch vorgeht – er plant nämlich beide Banden gegeneinander auszuspielen. Was die Abgebrühtheit dieses Mannes, dessen dominierende Charaktereigenschaft in den ersten Minuten, natürlich noch einmal unterstreicht. So wird Joe als genauso ruhige wie coole Sau positioniert, der uns alleine deswegen nicht unsympathisch ist, weil gefühlt alle anderen hier im Dorf entweder irgendwie einen Schaden zu haben scheinen oder moralisch komplette Totalausfälle sind. Oder gleich beides.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“
Erst mal Übersicht verschaffen. Joe plant in diesem Örtchen Business zu machen (Foto: ©LEONINE).

Wehe, wenn er losgelassen
Doch ein komplett passiver Auftritt ist auf die lange Sicht für kein Publikum der Welt eine Freude und irgendwie muss ja dann auch mal die Handlung in Gang kommen. Und so läßt man Joe schließlich blutige Rache an der Baxter-Bande nehmen. Womit wir sozusagen den Wunsch aus der Anfangsszene nach einer Heldentat mit etwas Verspätung indirekt einlösen. So wird gewissermaßen die Annahme des Zuschauers bestätigt, dass es nur eine Frage der Zeit ist bis die heldenhafte Ader des Protagonisten auch aktiv zu Tage tritt.

Die Art und Weise wie der Film das umsetzt ist dann auch wieder die konsequente Weiterführung der bisher etablierten wenigen Charakterattribute. Man etabliert Joe weiter als kühlen Strategen, der clever der etwas stärkeren Seite seine Dienste anbietet bevor er dann zur Tat schreitet. Dazu sieht man ihn als coolen Typen mit hohem Selbstbewusstsein, der schon im Vorfeld beim Leichenbestatter die Särge für seine Gegner bestellt. Und der sich mit ein paar witzigen Sprüchen über die verletzte Ehre seines Maulesels unerschrocken über die Jungs lustig macht.

Joe in „Für eine Handvoll Dollar“
Wer war hier noch mal frech? Joe knöpft sich die Baxter-Bande vor (Foto: ©LEONINE).

Charaktereinführung für TV-Dummies
Das nicht gerade überraschende Ergebnis dieses Duells (Hauptfigur lebt, Bösewichte tot) mag ziemlich klassisch daherkommen. Der Weg dahin war es aber nicht. Geschickt hält man die Figur in einer moralischen Grauzone (die Bande wird gegen Geld ausgeschaltet, dem Kind zu Beginn aber nicht geholfen) ohne aber die Sympathie des Publikums für die Figur zu stark zu beschädigen. Dafür reichen ein paar kleine „humane“ Momente des Helden und ein so verdorbenes Umfeld, in dem es unserer Figur leicht fällt mit wenig Aufwand moralisch halbwegs integer zu wirken.

Diese moralische Grauzone war einem amerikanischen Fernsehsender in den 1970ern allerdings zu herausfordernd. Womit wir zu einem sehr schönen Kapitel der Filmgeschichte kommen, zumindest was diesen Blog angeht. Um das arme US-Publikum nicht nachhaltig zu verstören, beschloss man damals nämlich auf eigene Faust eine zusätzliche Charaktereinführung zu produzieren. Mit Hilfe eines Doubles für Eastwood und dem Schauspieler Harry Dean Stanton wurde der Hauptfigur mal eben eine erklärende Motivation für deren Taten angedichtet. Joe wird hierbei zu Beginn aus dem Gefängnis entlassen, mit der Auflage in besagtem Dorf doch einmal richtig aufzuräumen.


Weniger ist manchmal mehr. Diese neue Einführung wurde damals extra für das US-Fernsehen produziert.

 

Der Reiz des Unbekannten
Das Ergebnis ist schon ein ziemlicher Nackenschlag für die Filmkunst aber natürlich ein faszinierendes Beispiel für die Macht der Charaktereinführung. Wer diesen Prolog sieht wird Joe nämlich in der dann folgenden Einführung des Originals komplett anders wahrnehmen. Seine Motivation ist offengelegt, der Reiz des Unbekannten dahin. Die ganzen Szenen fühlen sich ganz anders an, jetzt da wir eine scheinbar perfekte Motivation hinter all dem serviert bekommen haben. Anders ist aber eben oft nicht besser und in diesem Fall ist weniger eindeutig mehr.

Das ist aber ja auch das schöne an Charaktereinführungen. Viele Wege führen hier ans Ziel und so spannend es ist gleich zu Beginn viel über eine Figur zu erfahren, so spannend kann es auch sein genau das nicht zu tun. In dem man uns gezielt Informationen vorenthält, uns rätseln und interpretieren läßt, kann man genauso unsere Interesse wecken. So stellt „Für eine Handvoll Dollar“ unter Beweis: Manchmal braucht ein Held eben nicht mal einen richtigen Namen.

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