Serie

Susan, Lynette, Bree und Gabrielle in Desperate Housewives

Das Leben als Hausfrau kann schon die Hölle sein. Umso wichtiger sind gute Nachbarn. Merken aber bald, dass hier manche nicht nur sprichwörtlich so ihre Leichen im Keller haben: Susan, Lynette, Gabrielle und Bree.

Desperate Housewives (2004-2012) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Marc Cherry
Nach dem überraschenden Selbstmord ihrer Freundin Mary stehen die vier Hausfrauen Susan Mayer (Teri Hatcher), Lynette Scavo (Felicity Huffman), Gabrielle Solis (Eva Longeria) und Bree Weston (Marcia Cross) erst einmal unter Schock. Dabei haben sie doch eigentlich im Alltag schon genug Drama in ihrem beschaulichen Vorortsträßchen. Quengelnde Kinder und untreue Ehemänner sind aber hier noch die harmlosesten Probleme, die unsere vier Freundinnen meistern müssen.

Die Einführung von Susan, Lynette, Bree und Gabrielle

Nach dem für die Nachbarschaft völlig überraschenden Selbstmord der braven Hausfrau Mary, erzählt uns das Opfer höchstpersönlich ein wenig über sein privates Umfeld. Vor allem über ihre vier Freundinnen, die gerade auf dem Weg zu Marys Totenschmaus sind. Wir treffen so auf Lynette, die zusammen mit ihren Kindern gerade ein gebratenes Hähnchen zur Feier bringt. Mary verrät uns, dass Lynette einst eine erfolgreiche Business-Frau war – diese Karriere aber für den Job als Hausfrau an den Nagel gehängt hat. Was aber nicht weniger Stress bedeutet, denn auf dem Weg zur Feier muss sie gleich einmal ihre nervigen Söhne zurechtweisen. Kinderlos ist dagegen das ehemalige Model Gabrielle, die zusammen mit ihrem Mann eine scharfe Paella zum Leichenschmaus bringt. Nicht ohne sich dabei heißblütig mit ihrem Mann zu streiten.

Die Einführung der Figuren im Video (am Ende fehlt das Gespräch zwischen Susan und ihrer Tochter)

Eher kühl erscheint dagegen die von allen bewunderte Bree. Wobei uns Mary verrät, dass die eigene Familie eher weniger in die Lobeshymnen der Nachbarschaft einstimmen würde. Bewaffnet mit zwei Körben leckerer Muffins betritt Bree samt Anhang das Haus – und weist die trauernden Angehörigen direkt darauf hin, dass sie selbstverständlich die Körbe am Ende wieder benötigt. Weniger Mühe hat sich Susan gemacht. Deren Kochkünste sind genauso schlecht wie berüchtigt und so wird sich wohl keiner über Susans selbstgemachte Käse-Makkaroni freuen. Wenig Freude hat Susan auch aktuell in ihrem Leben, wie uns Mary berichtet. Den seit ihrer Scheidung sucht Susan dringend einen neuen Mann für sich und ihre Tochter. Na, da hat sie ja jetzt ein paar Staffeln Zeit.

Susan in "Desperate Housewives" - Zitat

Die Analyse:

Größere Figurenensemble einzuführen ist eine ziemliche Herausforderung, da man ja meist relativ schnell in die Geschichte einsteigen möchte. „Desperate Housewives“ knöpft sich vier Figuren in unter fünf Minuten vor und erledigt diese Aufgabe mit Bravour. Und das „trotz“ des klassischen Einsatzes einer Stimme aus dem Off, die ja von vielen oft als billige Notlösung abgetan wird. Wobei wir hier im Blog ja schön öfters gesehen haben, dass dieses Stilmittel auch bei der Charaktereinführung voller kreativer Möglichkeiten steckt.

Vor allem dann, wenn diese Stimme aus dem Off so natürlich und elegant in die Story eingebaut wird wie hier. Es ist die Stimme der toten Mary, die uns ihre besten Freundinnen auf dem Weg zu ihrem eigenen Leichenschmaus vorstellt – und das mit einem ironischen Unterton, der die ganze Angelegenheit sehr lockerer rüberkommen läßt. Geschickt nutzt man dabei die unterschiedlichen Kochkünste der Damen als Einstiegspunkt, um uns jeweils erst durch Rückblenden ein wenig Hintergrundinfos zu den Figuren geben, die dann noch einmal dadurch vertieft werden, dass wir die vier auf ihrem Weg zu Marys Haus begleiten.

Lynette in "Desperate Housewives"
Lynette unter Strom – das Leben als Geschäftsfrau war wohl doch entspannter (Foto: ©Walt Disney).

Scharfe Paella für heißblütige Figuren
Dabei nutzt die Serie geschickt die jeweiligen Gerichte, welche die Damen entschieden haben mitzubringen, um gelungene Überleitungen hin zu wichtigen Charaktereigenschaften und Hintergrundinfos zu schlagen. So erfahren wir, dass Lynette als Hausfrau nicht mehr die Zeit hat, das alte Familienrezept für gebratene Hähnchen umzusetzen – sie muss dieses bei einer Fast-Food-Kette besorgen. Das nutzt man als Ausgangspunkt, um uns in einer Rückblende von Lynettes Entscheidung zu erzählen, ihren lukrativen Job für die Kinder an den Nagel zu hängen (unter Druck ihres Mannes).

Bei Gabrielle wiederum steht die scharfe Paella schon an sich symbolisch für den heißblütigen Charakter dieser Latina. Dies nutzt man dann, um uns von Gabrielles Modelkarriere und ihrer oberflächlichen Beziehung zu ihrem Macho-Ehemann zu erzählen. Die perfekte Präsentation von Brees selbstgebackenen Muffins in liebevoll dekorierten Körbchen unterstreicht wiederum den Perfektionismus der Figur – die in den folgenden Rückblenden als Powerfrau gezeigt wird, die alles selbst in die Hand nimmt. Und im Fall von Susan nutzt man ihre selbstgemachten Käsemakkaroni, die immer misslingen (passend zu einer Figur, die als unsicher und unglücklich gezeichnet wird), um geschickt die Liebesgeschichte mit ihrem Mann zu erzählen. Beim Einzug waren die Makkaroni versalzen, beim ersten Streit zu wässrig und beim Auszug des Ehemannes schließlich verbrannt.

Gabrielle in "Desperate Housewives"
Da hilft auch keine scharfe Paella – das Feuer zwischen Gabrielle und ihrem Mann ist aus (Foto: ©Walt Disney).

Barockmusik für die kühle Perfektionistin
So gelingt es der Serie angesichts dieser kleinen alles verbindenden Storyidee wundervoll dem ganzen Geschehen eine charmante Leichtigkeit zu verpassen und nebenher die Hintergründe der Figuren etwas auszustaffieren. Doch das ist hier nicht die einzige kreative Ebene, auf der man sich um Charakterzeichnung bemüht. Jede Figur bekommt bei ihrem ersten Auftritt zum Beispiel auch seine eigene kleine Musikuntermalung spendiert, wobei hier vor allem der heißblütige Latino-Soundtrack bei Gabrielle und die kühl-perfektionistischen Barockklänge bei Bree die Charakterzüge der jeweiligen Damen am stärksten hervorheben. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass die feurige Gabrielle aus einem sonnig-gelben Haus heraustritt, während Brees Haus in ein kühles Blau getaucht ist.

Charaktereinführung ist eben einfach immer eine Art Puzzle, das mit jedem weiteren Teil mehr erkennen läßt. Neben den Rückblenden erhalten wir so auch weitere Eindrücke zu den Figuren auch dadurch, dass wir sie jeweils auf dem Weg hin zur Marys Haus begleiten. Was in Sachen Inszenierung den Vorteil hat, dass man auf der Straße oft ohne Schnitt von einer Figur zur anderen springen kann, was den leichtfüßigen Flow des Geschehens nochmal weiter verstärkt. In diesen Szenen wird jede Figur noch einmal nachgeschärft. Lynette muss sich gestresst gegen ihre Kinder behaupten und greift hier zur Not auch auf Lügen zurück, um ja nicht durch deren rebellisches Verhalten zum Gespött der Nachbarschaft zu werden. Man muss ja das Bild der perfekten Mutter aufrecht erhalten.

Bree in "Desperate Housewives"
Erst ich, dann die Familie – Powerfrau Bree kommt mit Anhang (Foto: ©Walt Disney).

Außen hui, innen pfui
In eine ähnliche Kerbe schlägt die Einführung von Gabrielle. Hier zeigt der Streit mit ihrem Mann noch einmal, was alles im Argen liegt. Und hier wird dann sogar von ihr direkt ausgesprochen, dass man wohl mal wieder auf gute Laune machen muss, damit die anderen ja nicht mitkriegen wie unglücklich deren Ehe läuft. Im Fall von Bree wiederum zeigt sich deutlich, dass der Perfektionismus von Bree ebenfalls seine Schattenseiten hat. Nicht nur, weil uns die Off-Stimme von Mary mitteilt, dass Brees Familie die hohe Meinung der Nachbarschaft von ihr nicht teilen kann. Wir sehen auch im Bild, wie der Familienanhang im Hintergrund (wo sie für Bree hingehören) auch das Gesicht verzieht, als Bree in ihrer kühlen Art und Weise vorneweg marschiert und, wie immer, selbstbewusst Instruktionen verteilt.

Zum Abschluss lauschen wir dann einer Diskussion zwischen Susan und ihrer Tochter, der eine ganz besondere Doppelfunktion zukommt. Nicht nur wird noch einmal deutlich, welcher Frust sich bei Susan in Bezug auf ihren Ex-Mann aufgestaut hat. Viel wichtiger aber, Susan fasst auch die Essenz der Serie noch einmal zusammen. Von ihrer Tochter gefragt, warum eine doch eigentlich glücklich wirkende Mary denn Selbstmord begangen hat, antwortet Susan, dass Menschen eben manchmal nach außen nur vorgeben glücklich zu sein. Und genau das ist ja die zentrale Prämisse der Serie, bei der vier Hausfrauen damit kämpfen ihre Unzufriedenheit in sich hineinfressen zu müssen. So arbeitet die Serie mit viel Schwung ganz gezielt auf diesen Moment hin, in dem wir genau dies in den ersten Minuten bei unseren Figuren beobachten können. So ist dann schnell klar was uns hier als Zuschauer zu erwarten hat. Und das dies so leichtfüßig mit der Einführung aller vier zentralen Protagonisten innerhalb von nur wenigen Minuten gelingt, ist wirklich eine kleine Meisterleistung.

Susan in "Desperate Housewives"
Einmal Käse-Makkaroni kommt sofort. Susan und Tochter haben es eilig (Foto: ©Walt Disney).

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