Serie

Joe Goldberg – You

Ein intelligenter Buchhändler – das klingt doch nach einem tollen Fang für eine Frau. Mit diesem Mann wird aber leider auch das echte Leben zu einem tödlichen Thriller: Joe Goldberg.

You (2018 – ) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Sera Gamble, Greg Berlanti
Charmanter Buchhändler in New York fühlt sich zu attraktiven Damen hingezogen – das klingt nach netter Rom-Com. Die skrupellose Art und Weise, wie sich Joe Goldberg (Penn Badgley) in das Leben ausgewählter Frauen schmuggelt killt diesen Romantik-Faktor aber ziemlich schnell – und so manchen lästigen Konkurrenten gleich mit. Diesem krankhaften Stalker mit Hang zu Gewaltausbrüchen sollten Frauen lieber aus dem Weg gehen. Ist aber schwierig, wenn man nicht ahnt, dass man verfolgt wird.

Die Einführung von Joe Goldberg

Aus dem Off beschreibt Joe eine junge Dame, die durch seinen Buchladen wandert. Um wen es sich wohl hier handelt? Joe versucht durch die Kleidung, Accessoires und das Verhalten Rückschlüsse auf den Charakter und die Lesevorlieben der Dame zu ziehen. Als sich ihre Wege kreuzen hilft er ihr dann bei der Suche nach dem richtigen Roman und liefert beeindruckendes Hintergrundwissen – bis ein nörgelnder Kunde Joe zu sich ruft. Ein erbärmlicher Typ, wie Joe uns in seiner inneren Analyse verrät. Der ihn aber glücklicherweise nicht lange aufhält.

Die Einführung von Joe Goldberg (gekürzte Version)

An der Kasse trifft Joe nun wieder auf die Unbekannte, die nun auch einen Namen hat: Guinevere. Und die nun deutliches zwischenmenschliches Interesse an unserem Buchhändler zeigt. Doch der erwidert die Avancen erst mal nicht. Wofür er sich einen deutlichen Rüffel seines Arbeitskollegen einhandelt, als Guinevere den Laden alleine verläßt. Wieso die Dame nicht zumindest googeln, schlägt der Kollege vor. Eindeutig zu aggressiv, meint Joe. Das Interesse ist aber geweckt und die Blicke folgen Guinevere durch das Fenster hinaus auf die Strasse. Und die innere Stimme von Joe stellt sich die große Frage, ob Guinevere ihn wohl enttäuschen würde oder nicht.

Joe Goldberg in "You" - Zitat

Die Analyse:

Bösewichte einzuführen kann jede Menge Freude machen. Noch dazu, wenn diese ein Doppelleben führen und im Zwielicht agieren. Genau damit spielt die Einführung von Joe Goldberg in „You“ – ein gefährlicher Stalker, der sein Killerpotential gekonnt mit Charme verdecken kann. Auch hier wirft uns die Serie gleich direkt in die Geschichte und präsentiert uns sozusagen Phase 1 des tödlichen Stalkings: Joe lernt Guinevere kennen. Dabei geht es der Einführung vor allem darum den Charme und die Intelligenz der Hauptfigur zu etablieren, um parallel dazu erste Hinweise auf Joes dunkle Seite fallen zu lassen.

Damit der Zuschauer möglichst eng an diese Figur gekettet wird, läßt man uns hier nun in dessen Kopf schlüpfen und Joes privaten Gedanken lauschen. Wir sehen was er sieht und nehmen so seinen Blickwinkel und auf gewisse Weise ebenfalls die Rolle des Stalkers ein. Dementsprechend ist dann auch das Framing, das uns zu Beginn immer wieder über die Schulter von Joe blicken läßt, den wir erst einmal gar nicht zu Gesicht bekommen. Wir haben nur (dessen) Augen für die unbekannte Dame. Die Entscheidung für dieses Stilmittel hat große Auswirkungen für die Wahrnehmung der Figur, da wir sozusagen zum Partner in Crime werden. Ein cleverer Schachzug, um eine zu starke Distanz des Publikums zu der ja eigentlich bösartigen Figur zu verhindern.

Joe Goldberg in "You"
Wer das wohl ist? Joe beobachtet Guinevere in seinem Buchladen (Foto: ©Netflix).

Sherlock auf der falschen Seite
Die Art und Weise wie Joe nun anhand des Verhaltens und dem Aussehen Guinevere analysiert unterstreicht die Intelligenz der Figur. Ein klein wenig erinnert dies an Charakterzüge von Sherlock Holmes, auch wenn dieser seine Fähigkeiten natürlich für eine bedeutend bessere Sache einsetzt. Genauso wie Holmes ist die Analyse von Joe von einem gewissen Sarkasmus und vor allem einer leicht arroganten Überheblichkeit durchzogen. So lobt er Guinevere gnädig dafür, dass sie nicht die Standard-Klischee-Nymphe ist, die Faulkner kauft aber nie liest. Und er findet ihr Stimme klingt zu entschuldigend, als ob es ihr peinlich sei, dass sie so brav ist. Das ist eine ziemlich selbstbewusste Bewertung eines anderen Menschen, die uns als Publikum schon den ersten Hinweis darauf gibt, dass dieser so charmant wirkende Mann auch eine andere Seite hat. Aber wie dunkel die wohl ist?

In den nächsten Minuten wird die Einführung von Joe immer wieder geschickt mit dieser Frage spielen – allerdings auch dabei aufpassen, den Charme der Figur weiter aufrechtzuerhalten. Im Dialog mit Guinevere, bei dem wir jetzt auch das erste Mal Joes Gesicht sehen (Stichwort Spannungsaufbau), punktet Joe mit seinem charmantem Lächeln und einer schlagfertigen und intellektuellen Flirt-Taktik. Gleichzeitig zeigt sich aber eben auch ein klein wenig seine gehässige Seite, als er Guinevere gegenüber ein ziemlich vernichtendes Urteil über einen anderen Kunden fällt, den er als unintellektuellen Käufer von Dan Brown Romanen bezeichnet.

Joe Goldberg in "You"
Hallo, die Dame. Das Publikum und Guinevere treten der Hauptfigur zum ersten Mal gegenüber (Foto: ©Netflix).

Oberflächlichkeit kann tödlich sein
Doch im Gespräch zwischen den beiden Figuren wird noch etwas viel wichtigeres angesprochen: das Grundmotiv unserer Hauptfigur. Joe ist ein Mann, der immer wieder von Frauen enttäuscht wird und auf der Suche nach einer tieferen und nicht oberflächlichen Liebe ist. Und dessen Frust darüber für manche Dame, die seinen Anforderungen nicht gerecht wird, in dieser Serie tödlich endet. Hier findet die Eröffnungsszene eine passende Allegorie für und läßt Guinevere die Oberflächlichkeit von vielen Buchkäufern anprangern. Die Reaktion Joes auf diese Aussage, der dadurch regelrecht angefixt wird, unterstreicht wie sehr diese Thematik den Protagonisten berührt.

Guinevere bringt das Dilemma von Joe sogar noch besser auf den Punkt, in dem sie feststellt, dass am Ende Menschen einfach immer eine Enttäuschung sind. Das Joe nun antwortet, manchmal könnten sie einen ja doch positiv überraschen, zeugt davon, dass er die Suche danach noch immer nicht aufgegeben hat. Und diese ziemlich leidenschaftlich weiterverfolgt. Es dürfte kaum Zufall sein, dass die Serie Joe Guinevere ausgerechnet das Buch „Desperate Characters“ empfehlen läßt. Genau das ist Joe nämlich.

Joe Goldberg in "You"
Bücherwürmer sind doch sexy. Joe beeindruckt Guinevere mit seinem Wissen (Foto: ©Netflix).

Ein Buch mit vielen Siegeln
So etabliert die Serie also sehr schnell die entscheidenden Eigenschaften der Hauptfigur und ihr zentrales Dilemma, das zum Motor der Serie werden wird. Den Rest der Einführung verwendet die Serie darauf, genau diese Eigenschaften noch weiter zu zementierten. Sie spielt dabei vor allem mit den zwei Seiten von Joe, der charmanten und der etwas dubioseren. Und etabliert so weiter, dass Joe nicht der nette Kerl ist für den er sich ausgibt. Zum Beispiel dadurch, dass er auf Guineveres harter Wortwahl bezüglich des Kunden („Arschloch“) entrüstet reagiert – solche Worte sollte man doch nicht verwenden. Nur um dann wenige Augenblicke später im Off, und so nur für uns hörbar, selbst auf noch härtere Weise über eben diesen Kunden zu lästern. Der Kunde wird aber natürlich von Joe mit einem Lächeln verabschiedet. Nein, dieser Mann ist nicht das was er vorgibt.

Doch der Charme der Figur soll ja nicht zu kurz kommen und so wechselt man gekonnt wieder in den leichtfüßigen Romantik-Modus, wenn Joe und Guinevere ihren Flirt an der Kasse auf das nächste Level heben. Auf einmal sind wir wieder im Liebesfilm und für einige Sekunden vergisst man Joes dunklere Seite. Nur um danach wieder daran erinnert zu werden. Den Kommentar des Arbeitskollegen, Guinevere doch zu googlen bezeichnet Joe zuerst abfällig als zu aggressiv. Ganz der Gentleman. Doch die Art, wie er ihr im Anschluss durch das Fenster hinterherschaut zeigt, vor allem dank der Untermalung durch eher mysteriöser als romantische Musik, dass seine Absichten keineswegs so nobel sind.

Joe Goldberg in "You"
Es heißt Abschied nehmen. Doch dabei wird es nicht lange bleiben (Foto: ©Netflix).

Stalker mit Charisma
In diesem letzten Moment der Einführung wird das Grundmotiv der Figur ebenfalls noch einmal aufgegriffen. Während seines Stalker-Blickes aus dem Fenster fragt sich Joe, ob diese Frau nun eine Enttäuschung sein wird oder nicht. Dieser Mann führt definitiv nichts Gutes im Schilde. Und so kommt es nicht überraschend, dass man beim nächsten Settingwechsel Joe dabei über die Schulter schaut, wie er Guinevere im Internet stalked.

So gelingt es „You“ in der Eröffnungsszene sowohl den Charme der Hauptfigur zu etablieren als auch hinter die Maske der Figur zu blicken – um dort dunklere Abgründe zumindest anzudeuten. Dank der Positionierung des Publikums in Joes Kopf macht man es dazu noch zum Komplizen und legt so eine stabile Grundlage für eine emotionale Reise in die dunkle Welt des Protagonisten.

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