Abgeschweift

Kuck mal wer da spricht

Deutsche Synchronisation läßt sich leicht verfluchen. Aber gibt es nicht vielleicht auch Gründe sie zu loben? Versuchen wir es mal mit einer verständnisvollen Betrachtungsweise.

Zwei Seiten der Medaille
Ach, immer diese Cineasten. Manchmal ernte ich bei Freunden ein Kopfschütteln, wenn ich mal wieder darauf bestehe nur in die Originalversion eines Filmes gehen zu wollen. Auf der anderen Seite sehen „Filmnerds“ oft herablassend auf die deutschen Synchronisationen von Filmen, die sie nicht einmal mit Samthandschuhen anfassen würden. Wie immer im Leben ist das Thema aber ein bisschen komplexer und deswegen möchte ich hier einmal kurz beide Seiten der Medaille beleuchten.

Erst heißt es aber Fokus setzen. Ich beziehe mich in den kommenden Zeilen so gut wie ausschließlich auf die Synchronisation von Kinofilmen. Denn mal ehrlich, bei B-Movies richtet eine Synchronisation nun meist eher weniger Schaden an. Und auch Serien möchte ich jetzt erst einmal hier ausklammern, wobei dort allerdings eine Sache durchaus erwähnenswert ist. Gerade durch den Boom der Streaminganbieter und das Bedürfnis der Fans, Serienfolgen möglichst zeitnah auch in Deutschland sehen zu dürfen, kommt die Synchronisations-Branche in letzter Zeit unter immer heftigeren Zeitdruck. Und auch an ihre Kapazitätsgrenzen, zumindest wenn es darum geht gute Qualität abzuliefern. Zur Einstimmung und einem besseren Verständnis der Situation, bitte deswegen vor dem Weiterlesen einmal kurz hier vorbeischauen.

Emotionslose Mexikaner
Legen wir also los und brechen gleich einmal eine Lanze für die Arbeit deutscher Synchronisationsstudios. Denn eines ist auch klar: Wer schon mal die lieblosen Synchronisationen in manch anderen Ländern genießen durfte, merkt erst, was für ein Glück wir hier haben. Besonders schmerzhaft ist mir eine Busfahrt in Mexiko im Gedächtnis geblieben, wo die Dialoge eines US-Films von unglaublich gelangweilten Sprechern abgelesen wurden. Machte es zwar einfacher das Spanisch zu verstehen aber mit emotionalem Entertainment hatte das nicht mehr viel zu tun. In Polen und Russland spricht sogar oft ein Sprecher alle Rollen – da schaue ich dann doch mit einem erleichterten Seufzen auf meinen Personalausweis.

Technisch ist die Arbeit der deutschen Synchronstudios (wohlgemerkt, ich fokussiere mich hier auf die größeren Produktionen) also wirklich gut. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Ein professionelles Umfeld, bei dem die Beteiligten sich als Künstler verstehen und wirklich daran interessiert sind, ihren Beitrag an einem emotionalen Gesamtkunstwerk zu verrichten. Und wer den oben verlinkten Artikel gelesen hat und mitbekommt, dass aus Sicherheitsgründen diese es sogar manchmal mit geschwärzten Bildern zu tun haben, bei denen sie nur die Lippen der Schauspieler sehen, der weiß deren Arbeit erst richtig zu schätzen. Erst einmal also ein dickes Dankeschön für diese sicher nicht immer einfache Arbeit!

Eine Frage der Bildung
Mit diesen Punkten im Hinterkopf nun also auf in den Kampf. Wobei ein weiterer Aspekt natürlich für diese Diskussion auch noch entscheidend ist. Nämlich, wie gut es überhaupt um die eigenen Fremdsprachenkenntnisse bestellt ist. Vor allem Englisch, da US-Kinofilme in diesem Beitrag am stärksten im Vordergrund stehen. Wer Englisch nicht oder nur rudimentär versteht, hat schließlich nicht einmal eine Wahl. Wir gehen hier also von einem Publikum aus, das Englisch ganz gut versteht. Wobei dieser Punkt später auch noch einmal Thema werden wird.

Legen wir also los. Und beginnen mit den Nachteilen der Synchronisation. Das beginnt schon einmal damit, dass es in Deutschland gar nicht so viele richtig gute Sprecher gibt. Was auf mehreren Ebenen gleich zu Problemen führt. Einmal reicht der Performance der Sprecher eben oft nicht an die des Originals heran. Der Markt gibt es eben gar nicht her, dass die vielen erstklassig ausgebildeten US-Darsteller adäquat „ersetzt“ werden können. Was wiederum auch dazu führt, dass die sehr guten Synchronsprecher oft mehrere Darsteller sprechen. Das verwirrt manchmal nicht nur, sondern kann eben auch für Probleme sorgen, wenn in einem Film Tom Hanks (Arne Elsholtz) auf Bill Murray (Arne Elsholtz) trifft. Und hoffentlich nicht auch noch Kevin Kline (Arne Elsholtz) und Jeff Goldblum (Arne Elsholtz) vorbeischauen.

Der Tod steht ihnen nicht gut
Diese enge Verbindung zwischen Synchronsprecher und Darsteller birgt aber noch weitere Risiken. Inzwischen ist der gute Arne Elsholtz nämlich leider verstorben, was dazu führt, dass Hanks und Murray neu besetzt wurden. Nicht gerade ideal, wenn man sich mal an eine Stimme gewöhnt hat. Elsholtz hatte davor bereits auch schon aus Gesundheitsgründen nicht immer konsequent jeden Film seiner US-Rollen vertont. Es müssen aber ja nicht gleich Todesfälle oder gesundheitliche Probleme sein, die zu einem Austausch der Sprecher führen. Ob Ruhestand, exorbitante Gehaltsforderungen oder Terminprobleme – es kommt immer wieder vor, dass das deutsche Publikum nicht die gewohnte Stimme präsentiert bekommt. All diese Probleme gibt es mit der Originalversion logischerweise nicht. Wenn ein Marlon Brando stirbt geht er eben ganz von der großen Bühne.

Diese Unstetigkeit ist aber nur ein Problem von vielen. Viel öfter noch wird kritisiert, dass bei der Synchronisation eines Filmes einfach zu viel verloren geht. „Zu viel verloren“ steht dabei vor allem für das Flair eines Filmes und die vielen kleinen Anspielungen und kulturellen Eigenheiten. Wortwitze und Formulierungen aus anderen Sprachen lassen sich eben manchmal nicht 1:1 übersetzen. Was, je nach Drehbuch, natürlich Filme oft einiger wichtiger oder zumindest schöner Details beraubt.

Sprachliche Ecken und Kanten
Ein typisches Beispiel für den Verlust eines solchen Flairs wären die Akzente in der Originalsprache. Es ist nun mal unmöglich, den extremem Südstaatenakzent eines „O Brother, Where Art Thou“ auch nur im Ansatz im Deutschen abzubilden. Ob „Trainspotting“ oder „Willkommen bei den Sch’tis“ – gerade wenn Akzente eine wichtige Rolle spielen ist die deutsche Synchro natürlich einfach überfordert. Gleichzeitig, und dazu kommen wir später noch, ist sie gerade bei diesen Beispielen dann ironischerweise oft trotzdem der Lebensretter des Publikums, da selbst sprachgewandte Fans von Originalversionen hier an ihre Verständnisgrenzen kommen. Wenn man nicht auf Untertitel ausweicht, aber dieses Faß mache ich an einem anderen Tag einmal auf.

Den größten Frust lösen aber Filme aus, bei denen die deutsche Synchronisation aufgrund von Schlampigkeit (glücklicherweise eher selten) oder anderen Gründen die Inhalte absichtlich abwandelt. Viele solcher Beispiele fallen mir bei der Arbeit zu diesem Blog auf, bei dem ich mir immer die OV-Version und die deutsche Version anschaue. Wenn im Original von „Bridget Jones“ die Hauptfigur einen KZ-Vergleich für einen Gag nutzt ahne ich dann schon, dass dieser Witz wohl nicht die deutsche Synchronisation überlebt hat. Und politische Korrektheit in aller Ehren, so etwas beraubt der Figur dann doch in der deutschen Synchro ein wenig ihrer Ecken und Kanten. Deutlich rätselhafter ist aber, warum in der Einführung von „Mad Max“ zum Beispiel die Hauptfigur an einer Stelle auf Deutsch etwas sagt, wo sie im englischen bei genauem Hinsehen gar nicht den Mund aufmacht. Da schlägt man dann doch als Filmfan die Hände über den Kopf zusammen.

Fast-Food oder Sternerestaurant
Glücklicherweise kommt es zumindest bei großen Produktionen eher seltener vor, dass aus Jux und Dollerei Inhalte umgewandelt oder gar hinzuerfunden werden. Fälle wie „Die Spur des Falken“ mit Humphrey Bogart, bei denen Dialoge im Deutschen auf lustig getrimmt wurden um Nachkriegsdeutschland nicht zu viel weiterem Drama aussetzen zu müssen, kommen eigentlich nicht mehr vor. Doch mit jedem synchronisierten Film hat man eben trotzdem das Risiko, dass man etwas hört, was die Macher des Originals so nie angedacht hatten.

Und genau da unterscheidet sich dann der Cineast vom „normalen“ Publikum. Eben genau diese Liebe zum Detail. Wer Kino eher als Fast-Food-Entertainment ansieht, der stört sich an so etwas natürlich deutlich weniger. Nichtsdestotrotz gibt es tatsächlich auch Gründe, warum selbst ich als detailversessener Filmliebhaber deutscher Synchronisation etwas Positives abgewinnen kann. Zeit also, die Medaille einmal umzudrehen.

Kreatives Schnodderdeutsch
Es mag komisch klingen, aber manchmal kann die deutsche Synchro auch auf der technischen Ebene dem deutschen Publikum einen Gefallen erweisen. In manchen Hollywood-Blockbustern ist, zumindest nach meinem Gefühl, die Musik oft deutlich zu laut gemischt und manche Dialoge gehen im Bombast der Originalmischung unter. Hier entpuppt sich oft die deutsche Version als „klarer“ und dadurch verständlicher. Und so habe ich mich schon paar mal dabei erwischt, in solchen Situationen kurz zurückzuspulen, um entweder die Untertitel einzuschalten oder mir die deutsche Version anzuhören. Fairerweise muss man dann aber auch sagen, dass in Sachen Surround sound natürlich die Originalvariante meist besser abgemischt ist.

Witzigerweise kann aber eine der größten Gefahren der Synchronisation auch zu einer ihrer größten Stärken werden. Es hat nämlich auch Autoren gegeben, die sich bei der deutschen Synchronisation so kreativ ausgetobt haben, dass sie am Ende tatsächlich Kult erschufen. Stichwort „Schnodderdeutsch„, das uns vor allem aus den „Bud Spencer & Terrence Hill“-Filmen und manchen älteren US-Serien bekannt ist. Für Puristen eigentlich ein Graus, aber der Erfolg dieser abgedreht-kreativen Synchronisationen ist nicht unverdient und hat sich in das kollektive Gedächtnis mehrere Generationen gebrannt. Darunter auch meiner.

Schieß dem Fenster
Womit wir dann auch bei der eigenen Kindheit und Jugend angekommen sind und einem weiteren Phänomen. Wer einmal mit den Originalversionen angefangen hat (bei mir gegen Ende der 90er), der geht nur schwer freiwillig wieder zur deutschen Version zurück. Außer, es handelt sich um liebgewonnene Kindheitserinnerungen. Filme, die man auf Deutsch in und auswendig kennt. Und Schauspieler, deren deutsche Stimme einem einfach ans Herz gewachsen ist. Schwarzenegger im Original zu hören fällt dann eben durchaus schwer. Und noch heute kann ich den kompletten dritten „Indiana Jones„-Film gefühlt auswendig auf Deutsch aufsagen. Und es legt sich einfach eine nostalgische Wärme über einen, wenn Tom Hanks in „Forrest Gump“ auf Deutsch über Pralinen philosophiert.

Es gibt übrigens auch noch einen seltenen Fall, wo die Originalsprache dem Film sogar etwas zum Verhängnis wird. Und zwar dann, wenn dort deutsche Figuren auftauchen, die ihrer eigenen Sprache nicht mächtig sind. Irgendwie verliert der gute Hans Gruber in „Stirb Langsam“ zumindest kurz im englischen Original seinen Schrecken, wenn er die Anweisung „Schieß dem Fenster“ herausbrüllt. Hans, setzen, sechs! Fehlerhafter deutscher Satzbau taucht selbst im heutigen Hollywoodkino immer wieder auf – was angesichts der kulturellen Vielfalt der Bewohner in den USA mir immer noch Rätsel aufgibt. Aber zugegeben, das ist natürlich schon ein sehr pedantischer Kritikpunkt.

Goldene Regeln
Der größte Vorteil der deutschen Synchronisation ist am Ende aber natürlich die Verständlichkeit. Denn um wirklich jedes Detail, gerade eines anspruchsvollen Filmes aufzuschnappen, muss man eigentlich schon in dem Produktionsland geboren sein. Und am Ende bringt einem das Originalflair nämlich gar nichts, wenn man gerade aus Verständnisgründen einen entscheidenden Plot Point falsch interpretiert hat. Und so gebe auch ich gerne zu, dass es gut zu wissen ist, dass auf Netflix die deutsche Sprachversion zumindest als Backup vorhanden ist.

So steht und fällt der Nutzen der Synchronisation mit dem eigenen Sprachverständnis und der Leidenschaft für das Medium. Ein jeder muss also selbst für sich ausmachen, wo hier die Prioritäten liegen. Man macht es sich aber definitiv zu einfach, die deutsche Synchronisation einfach nur zu verdammen. Und so bin ich für mich zu folgender Grundregel gekommen: Englischsprachige Filme, die mir am Herzen liegen, werden als erstes immer nur im Original angeschaut. Und das ist nicht verhandelbar. Filme, bei denen meine Neugier begrenzt ist oder die ich bereits kenne, kann ich dagegen auch auf Deutsch konsumieren. In diesem Sinne: Goodbye und Auf Wiedersehen.

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