Abgeschweift

2019 – Ein Jahr in Filmen

Gefühlt bin ich dieses Jahr etwas öfters ins Kino gegangen als sonst. Zumindest musste ich diesmal nicht in der Weihnachtszeit exzessiv Filme nachholen, um auf eine Top10-Liste zu kommen.

Trotzdem fühlt sich das Jahr deutlich schwächer an als 2018, zumindest mit einem Blick auf meine Auswahl. Wobei ich nicht das Gefühl habe, sonderlich viel verpasst zu haben. Abgesehen vielleicht von „The Farewell“ und „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, die eventuell eine gute Chance gehabt hätten, noch in meine Top10 zu rutschen.

Wirklich begeistert hat mich dieses Jahr lediglich Platz 1. Aber ab Platz 3 wären die Filme wohl eher im hinteren Bereich der 2018er-Liste gelandet. Gefühlsmäßig war das Jahr in Sachen Serien auch eher mau, was sicherlich mit an dem frustrierenden „Game-of-Thrones„-Finale lag. Wobei es mit „Chernobyl“ immerhin ein Highlight gab und mir in diesem Bereich sicherlich auch einiges durch die Lappen gegangen ist. Aber man hat ja auch noch ein Leben und einen Blog zu füllen. Und letzteres ist ja dann dieses Jahr auch ganz gut gelungen. Bleibt, die nicht unbedingt berechtigte Hoffnung, dass das neue Jahrzehnt in Sachen Kino und Serien einen besseren Start erwischt.

Hier nun meine Top10 des Jahres 2019:

10. Land des Honigs
Ein kleiner Film aus Mazedonien startet meine Top10. Er porträtiert das faszinierend-einfache Leben einer Imkerin, die in einer der abgelegensten Gegenden Europas noch auf traditionelle Art und Weise Honig sammelt. Eine unglaublich stimmungsvolle Dokumentation mit einer faszinierenden Hauptfigur, die den Zuschauer mit einer einfachen Geschichte für zwei Stunden erfolgreich in eine fremde Welt transportiert. Eine, die geographisch gesehen ja gar nicht so weit weg von uns liegt.
Da kann man es auch verzeihen, dass diese Dokumentation, zugunsten einer kinoreifen Geschichte, sich die ein oder andere Sache im Schnitt auch zurechtmanipuliert. Am Ende bleibt aber trotzdem ein netter kleiner Ausflug in eine (gefühlte) Parallelwelt, der einen daran erinnert, dass der digitale Fortschritt auf diesem Kontinent auch den ein oder anderen übersehen hat.

 

9. Green Book
Der Oscar-Sieger des letzten Jahres ist in Deutschland erst 2019 gestartet, qualifiziert sich zeitlich also noch so gerade für meine Top10. Und genauso knapp rutscht er dann auch dort hinein. Eine unterhaltsame und kurzweilige Geschichte mit tollen Darstellern, deren noble Absicht aber etwas zu glatt daherkommt, um wirklich tieferen Eindruck zu hinterlassen. Vor allem am Ende macht man dann doch ein bisschen zu stark auf Feel-Good-Movie. Aber vielleicht bin ich ja auch einfach zu zynisch. Die meiste Zeit aber ist der Film ein durchaus überzeugendes Porträt des Alltagsrassismus in den USA. Und vermeidet, bis auf das Ende, auch ganz gut pathetischen Schmalz.

 

8. Toy Story 4
Nein, an den emotionalen dritten Teil kommt diese Pixar-Fortsetzung, rund um den Spielzeug Cowboy Woody, nicht heran. Dafür wirkt dann vieles irgendwie doch zu vertraut. Aber Pixar setzt dieses (hoffentlich letzte) Abenteuer glücklicherweise ohne größeren Fehltritt um, und schafft es über weite Strecken den Charme der alten Filme wieder einzufangen. Was damit automatisch in einem wirklich guten Film resultiert. Und mit der Figur des „Forky“, einem aus Müll zum Leben erweckten Spielzeug, gelingt „Toy Story 4“ dann auch noch ein kleiner Coup. Eine tolle neue Figur, die zusammen mit Woody für eine bewegende Vater-Sohn-Parabel sorgt. Ich werde die Bande vermissen…

 

7. Once Upon a time in Hollywood
Ein schwieriger Film zum Besprechen. Gottseidank habe ich da keine Kritik schreiben müssen. Ein Film, mit vielen großartigen Szenen und Settings. Und einem absolut grandiosen Finish, welches ich als das beste von Tarantinos ja nicht gerade unbeeindruckender Laufbahn bezeichnen würde. Wo er auch zum ersten Mal wirklich Gefühle zeigt, was ich ja schon hier diskutiert habe.

Gleichzeitig konnte mich aber der ganze Part rund um den von Leonardo diCaprio gespielten Schauspieler Rick Dalton nicht mitreißen. Irgendwie nimmt mich das Thema beruflicher Abstieg bei Schauspielern nicht wirklich emotional mit. Kopf hoch, Junge, möchte man Rick sagen, gibt nun doch wirklich Schlimmeres im Leben. So richtig bewegt hat mich Ricks Schicksal deswegen nicht, während Brad Pitts Stuntman Cliff Both mit seiner entspannten Coolness schon deutlich interessanter daherkam. Am Ende bleiben ein paar meisterhafte Momente in einem ansonsten ordentlichen Film. Reicht für Platz 7, aber eben nicht für mehr.

 

6. The Irishman
Ein Film, über den ich eine Menge schreiben könnte. Und das glücklicherweise ja auch schon getan habe. Und zwar hier. Kurz zusammengefasst, ein Film voller Nostalgie, Melancholie und toller Darsteller. Zugegeben, man ruht sich vielleicht ein bisschen arg auf dem Legendenstatus der Besetzung aus. Und hätte noch etwas mehr Zeit, und eine Prise mehr Cleverness, ins Drehbuch stecken können. Rausgekommen ist trotzdem ein durchaus appetitlicher cineastischer Leckerbissen, dessen Schwächen man angesichts dem Wiedersehen mit der alten Mafia-Garde sehr leicht verzeihen kann. Vielleicht zu leicht, aber Kino hat nun mal seine eigene Geschichte. Und in keinem Film konnte man dieses Jahr so schön in Erinnerung schwelgen wie in „The Irishman“.

 

5. Ad Astra
Sehr schade, dass dieser Film an der Kinokasse eher untergegangen ist. Über weite Strecken bekommt man nämlich hier richtig schönes Science-Fiction-Kino serviert. Mit genau der richtigen Mischung aus Spannung, Einfallsreichtum und Philosophie. Gut, gegen Ende wird es vielleicht ein bisschen zu simpel und man vermisst ein wenig die epischen Fragen eines „Arrival“. Aber dafür entschädigen dann zumindest ein paar der schönsten Kamerashots dieses Jahres. „Ad Astra“ ist in manchen Momenten einfach wunderschön anzusehen. Und verdient sich Platz 5 auf meiner Jahresliste.

 

4. Joker
Der Überraschungsfilm des Jahres. Von dem ich allerdings etwas überrascht war, dass ich ihn nicht noch mehr geliebt habe. Zu groß waren die Vorschusslorbeeren der Kritiker. Ja, „Joker“ zeigt, was intelligente Filmemacher aus dem Comic-Genre rausholen können. Und vor allem auch dank eines tollen Hauptdarstellers ist der Film von Anfang bis Ende wirklich fesselnd. Allerdings macht es sich der Film auch ein klein wenig zu einfach. Und läßt seinen Helden derart viel Schreckliches erfahren, dass man als Zuschauer es meiner Meinung nach zu leicht hat sich mit dieser Figur im weiteren Verlauf zu identifizieren. Hier hätte ich mir mehr Risiko erhofft. Sicher, ist ein Wunschdenken. Aber wäre eben nötig gewesen, damit der Film ganz vorne in meiner Top10 landet.

 

3. Parasite
Auch hier saß ich im Kino im Wissen der zahlreichen Lobeshymnen. Und auch hier war ich am Ende nicht unbedingt enttäuscht, aber eben nicht so beeindruckt wie erhofft. Der Film beginnt grandios, baut dann toll ein spannendes Szenario auf und fällt dann leider in der letzten Viertelstunde doch deutlich ab. So toll die Mischung aus diversen Genres hier auch ist, ich hätte mir ein ruhigeres Ende gewünscht. Trotzdem ist der Film über weite Strecken ein kleines Lehrstück über Spannung- und Atmosphärenaufbau. Leider geht die subtile Botschaft über den Klassenkampf aber am Ende im Blutrausch unter. Zumindest bei mir, auch wenn sich da natürlich auch noch viel reininterpretieren läßt. Ohne die letzten 20 Minuten aber definitiv ein großes Kino-Highlight.

 

2. Marriage Story
Auch hier gibt es bereits ein ausführliche Kritik von meiner Seite. Alleine für die grandiose Einführung der beiden Hauptfiguren, der ich hier auch bald einen Eintrag widmen werde, ist dieser Film das Eintrittsgeld wert. Geht einfach nichts über kompetent gemachtes Charakterdrama. Nur die etwas überzeichneten Nebenfiguren trüben das Erlebnis. Dafür bekommt man aber eine der intensivsten Szenen des Kinojahres geliefert. Bei diesem Ehestreit möchte man lieber nicht mit im Raum sein. Bei dem Film aber schon.

 

1. Systemsprenger
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals einen deutschen Film zu meinem Jahresfavoriten erkoren habe. Leider hat „Systemsprenger“ es nicht zu den Oscars geschafft, aber dann muss er eben hier gefeiert werden. „Systemsprenger“ ist ein starker Film, der einen so mitnimmt, dass man am Ende nur mit Mühe aus dem Sessel kommt. Ein Film, der voller Wut steckt. Man findet diese Wut in seiner Protagonistin, in seiner Kritik an dem Sozialstaat und gegenüber der ganzen Tragik, die dem Schicksal der psychisch angeschlagenen Benni beiwohnt. Wie Benni von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht wird, manchmal aufblüht nur um kurz darauf wieder zu explodieren – das ist schon ganz harter emotionaler Tobak für den Betrachter. Aber grandios inszeniert und gespielt. Und auch wenn ich verstehe, dass manche Menschen sich solche Filme nicht im Kino antuen wollen – dieser Streifen sollte Pflicht sein. Kino ist eben nicht nur Eskapismus. Sondern manchmal auch ein emotionaler Realitätscheck. Etwas besseres war 2019 nicht auf den Leinwänden zu sehen.

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